Servi Jesu et Mariae
Diener Jesu und Mariens
Kongregation päpstlichen Rechtes
deum Invenire in omnibus

März 2009

Liebe Jungen und Mädchen!

Mein erster Western

Der Winnetou III-Film ist einer der ersten Western, an den ich mich heute noch erinnern kann, dass ich ihn in meiner Kindheit gesehen habe. Lebhaft habe ich noch den tragischen Schluss vor Augen: Winnetou und Old Shatterhand haben sich an einem felsigen Steilhang gegen eine verbrecherische Westernbande zu verteidigen. Deren Anführer steigt seitlich die schroffen Felsen empor, hinter denen sich die beiden Freunde verschanzt haben. Aus dem Hinterhalt zielt der feige Anführer auf Old Shatterhand, die Hand am Abzug seines Gewehrs. Old Shatterhand merkt nichts. Er hat zu konzentriert seine Augen auf die Feinde unterhalb des Felsens gerichtet. Plötzlich merkt Winnetou, was vor sich geht. Doch zu spät. Er kann seinen weißen Blutsbruder nicht mehr warnen. Schon kracht der Schuss. In letzter Sekunde hat sich der Häuptling der Apachen in die Feuerlinie geworfen. Er wird von der Kugel getroffen und schwer verletzt. Bald darauf wird die feindselige Bande besiegt. Aber Winnetou stirbt. Der große Häuptling der Apachen ist tot.

Warum?

Ich erinnere mich noch, meinen Vater gefragt zu haben, warum Winnetou das getan hat. Die Antwort meines Vaters war sehr kurz. Vielleicht auch, weil der Film noch weiterlief. Aber sie war auch umso einprägsamer: „Das hat er getan, weil er sein Freund war."

Dein großer Freund

In der Fastenzeit gedenken wir auch einer Person, die ihr Leben für ihre Freunde hingegeben hat: Jesus Christus. Aber waren es wirklich wir, ich meine auch du und ich, für die Jesus Christus gestorben ist? Und waren es unsere Sünden, wegen deren er bis zum Tod gelitten hat? Konnte Jesus Christus vor 2000 Jahren von dir und mir schon wissen?

Der Gottmensch Jesus Christus

Ja, denn er ist nicht nur ein bloßer Mensch, sondern auch Gott – er ist der Gott-Mensch. Kraft seiner Gottheit hatte er dich seit Ewigkeit vor Augen. Bei seiner Geburt aus Maria, der Jungfrau legte er die Gottheit nicht ab, sondern nahm vielmehr zusätzlich einen menschlichen Leib an. Dieser Leib war fähig zu leiden und zu sterben. In seiner göttlichen Erkenntnis wusste er, für wen er leiden, sterben und auferstehen werde. Da hat er an uns alle gedacht, auch ganz wirklich an dich und mich. So sagt der Apostel Paulus: „Vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben gemäß der Schrift" (1 Kor 15, 3).

Gott denkt immer an dich

Es vergeht keine Sekunde in der Ewigkeit Gottes, in der er nicht an dich denken würde. Auch während seines Lebens auf Erden hat Christus in seinem göttlichen Verstand dich stets vor Augen gehabt, dein ganzes Leben. Er hat sich um dich gesorgt in deinen Nöten, sich mit dir mitgefreut in deinen Freuden und guten Werken, mit dir mitgelitten in deinen Sünden, mit dir Angst gehabt in deinen Ängsten und vor allem um dein Seelenheil. Diese Verbindung hatte er aufgrund seiner göttlich-unendlichen Liebe zu dir.

Die Liebe Gottes

Gottes Liebe zu uns ist göttlich-vollkommen und deshalb außerordentlich. Man könnte auch sagen »leidenschaftlich«. Er liebt auch noch, wenn es weh tut, wenn man ihn verletzt, ihm Schmerzen zufügt. Die menschliche Antwort auf die Liebe Gottes zeigt sich erschütternd in der Passion Christi. Seiner totalen Liebe wird mit Hass begegnet. Christus aber liebt weiter und duldet. Er erträgt die größten Schmerzen, die man sich für einen Menschen vorstellen kann. Er liebt weiter, immer weiter, immer mehr. Und gerade darin heilt er durch seine Liebe unsere Sünden. Weil er an jeden denkt und jeden liebt. Diese »leidenschaftliche Liebe« wollen wir nun näher betrachten:

Ein erschütterndes Bild

Kann man das Leiden Christi genau betrachten? Ja, das Turiner Grabtuch zeigt in ergreifender Weise das Bild eines völlig zerschundenen und gekreuzigten Menschen. Zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen können nicht anders, als in diesem Leidenden Christus zu sehen. Der berühmte französische Chirurg Pierre Barbet hat zahlreiche Untersuchungen zum Grabtuch vorgenommen. Er war bestürzt darüber, was er als Wissenschaftler daraus lesen musste. Ähnlich ging es vielen Mystikern, die in ihren Visionen das Leiden Christi schauen durften.

Leiden ohne Ende

Dr. Pierre Barbet ist nach seinen Studien überzeugt, dass das Leiden Christi übermenschlich war. Mit allein menschlicher Kraft ist so ein Leiden medizinisch nicht zu erklären. Er ist überzeugt, dass Christus seine göttliche Kraft zu Hilfe nahm, um noch mehr für uns zu leiden, uns noch mehr zu lieben, alle Sünden zu sühnen. Anhand seiner Untersuchungen und den Schauungen der hl. Mystikerin Brigitta von Schweden (1303 – 1373), die mehrmals das Leiden Christi »miterleben« und mit ihm sprechen konnte, möchte ich mit euch die verschiedenen Stationen näher betrachten.

Blutschweiß

Der Evangelist und Arzt Lukas berichtet in Lk 22, 44 „Und sein Schweiß wurde wie Blutstropfen, die auf die Erde fielen." »Hämhidrose«, wie der Blutschweiß medizinisch genannt wird, tritt höchst selten bei Menschen auf. Und zwar, wenn sie »unmenschliche« Angst haben. Normalerweise reagiert der Körper mit Sicherheitsmechanismen wie Ohnmacht oder Wahnvorstellungen, die von der eigentlichen Angst ablenken. Christus wurde nicht ohnmächtig, er tauchte nicht in eine Scheinwelt ab, um seine Angst zu fliehen. Er erduldete alle Angst und alles Leid. Der hl. Brigitta sagte Jesus, dass er bei seinem Ölbergleiden unsere Herzenshärte und Abgestumpftheit gegenüber seinem Erlöserleiden gesühnt hat. Wie viele Menschen machen sich keine Sorge um ihr ewiges Heil, das Christus durch ein Übermaß an Leiden am Kreuz erworben hat. Christus hat Angst um sie, erwirbt ihnen Kraft und Einsicht in ihrer Gleichgültigkeit. Er erleidet alle Ängste der Menschen, so dass jeder weiß: Auch ich bin mit meiner Angst nicht allein. Christus hat sie schon getragen, geheilt, und das Leben erworben.

Geißelung

Mehr als 200 Geißelwunden befinden sich nach dem Grabtuch auf Rücken, Brust, Ober- und Unterschenkel Jesu. In der tragischen Szene des Films »Die Passion Christi« von Regisseur Mel Gibson wird nur ein Teil der Schläge der schier nicht enden wollenden Geißelung gezeigt. Jesus wird hier durch die Schläge bewusstlos vor Schmerzen, aber er steht wieder auf, und einer der Soldaten ruft: „Seht, er hat noch nicht genug!" Jesus wollte jede Sünde, jedes Leid und jeden Schmerz tragen. Erst dann war es ihm genug. Seine vom Blutschweiß wie mit tausenden von Nadeln durchstochene Haut, mit Blut durchtränkt wie ein Schwamm, wird von den Bleihanteln der Geißel regelrecht zerrissen. Die hl. Brigitta sagt, dass Jesus die Leiden der Geißelung wegen unserer Sünden gegen die Schamhaftigkeit und gegen die Keuschheit durchgemacht hat. Wie viel wird in unserer Zeit gerade auf diesem Gebiet gesündigt. Die Muttergottes wusste in Fatima schon, warum sie gerade von diesem Übel so eindringlich sprach, durch das viele Seelen in die Hölle kommen. Hier erwirkt Christus einem jeden Menschen die Gnade, standhaft in der Versuchung zu sein, und wenn er gefallen ist, durch eine gute hl Beichte alsbald wieder aufzustehen. Hier hat er allen verwundeten, verletzten und zerrütteten Menschen Heilung erworben.

Dornenkrönung

Wer gelegentlich durch Kopfschmerzen oder Migräne geplagt ist, der weiß, dass der Kopf das empfindlichste Glied unseres Körpers ist. Wenn der »Schädel brummt«, dann läuft nichts mehr. Christus bekommt eine Dornenhaube aufs Haupt gedrückt. Die dabei verwendete Wüstenpflanze hat bis zu 10 cm lange Dornen, hart wie Nägel. Christus wird in seinen Schmerzen verspottet und verhöhnt. Der hl. Brigitta offenbarte er, dass er hier die Sünden unseres Stolzes gesühnt hat. Wie oft setzen sich die Menschen selbst an die Stelle des obersten Gesetzgebers, Gott. Wie viele sagen: Ich kann selbst festlegen, was gut und schlecht ist, ich treffe selbst eine verantwortungsvolle Entscheidung. Bei jeder Sünde hält sich der Mensch nicht an die liebevolle Vorgabe seines Schöpfers. Er schiebt die Lebensanleitung seines Baumeisters zur Seite und will seinen Platz einnehmen. Hier lehrt uns Christus Demut. Hier unterweist er uns im Gehorsam. „Er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz" (Phil 2, 8). Und hier erwarb er uns auch die Gnade, seinen Geboten und den Weisungen der Kirche voller Freude und Begeisterung treu zu sein. Hier schenkt er uns die Kraft, eine egoistische Engstirnigkeit zu weiten in den Blick hin zur göttlichen Wahrheit und Liebe.

Kreuzweg

Christus wird halb tot das Kreuz aufgeladen. Das Grabtuch zeigt, wie seine Schulter durch den schweren Balken durchgescheuert wird. Schwankend schleppt er sich nach oben. Mehrmals stürzt er. Schwere Blessuren an den Knien und im Gesicht zeugen auf dem Grabtuch von schmerzhaften Stürzen. Die hl. Brigitta berichtet, dass Christus diese Leiden wegen unserer mangelnden Geduld und Kreuzesnachfolge erlitten hat. Wie oft wollen wir die täglichen Kreuze von uns abschütteln. Und wir übersehen die miterlösende Wirkung, wenn wir sie als Geschenke der heilenden Liebe Christi annehmen würden.

Entkleidung und Kreuzigung

Auf Golgota angekommen wird Christus seines Gewandes beraubt. Die Kleider sind bereits in die verkrusteten Wunden eingetrocknet. Alles wird wieder aufgerissen. Tausende von Nerven werden erneut verletzt. Dann wird Christus ans Kreuz genagelt. Durch die Handgelenke treiben die Soldaten die Nägel. Und jetzt kommt wohl der größte Schmerz der qualvollen Hinrichtung. Der »Medianus-Nerv«, der Hauptnerv wird durch den Nagel getroffen. Unwillkürlich werden wie von selbst die Daumen, um den Schmerz zu mildern, in die Handteller gepresst. An diesem Hauptnervenstrang muss sich Christus drei Stunden für jeden Atemzug hochziehen, um in dieser hängenden Position Luft zu bekommen. Was für Qualen! Mit Essig getränkt gibt Christus schließlich seinen Geist auf.

Warum?

„Warum das alles?" - so möchten wir fragen. Und Christus wird uns antworten: „Wegen dir! Wegen dir und deiner Sünden!" Und wenn wir beschämt weiterfragen: „Warum hast du das für mich getan?"- ist seine Antwort sehr kurz, aber eindringlich: „Weil ich dich liebe!" Du bist Christus wertvoller als sein eigenes menschliches Leben. Er liebt dich unendlich. Es ist ihm unendlich wichtig, dass du einmal ewig glücklich bei ihm im Himmel bist. Für dich ist ihm kein Preis zu hoch. Hier hat er, wie der Prophet Jesaja sagt, „all unsere Krankheiten getragen und unsere Schmerzen auf sich geladen. ... Durch seine Wunden sind wir geheilt" (Jes 53, 4f). Wenn wir auf Jesus schauen, dann wissen wir: Er hat uns nicht nur von allen Sünden erlöst, sondern es gibt auch keine Krankheit, keinen Schmerz, keine Angst mehr, die wir allein tragen müssten. Jesus hat schon alles getragen – und er hat dich und mich mitgetragen. Er hat uns alle Gnaden erworben, immer wieder umzukehren, unsere Sünden zu beichten und als gute, ja heilige Menschen zu leben, voller Freude, Freiheit und Dankbarkeit. Wir selbst sind es, die ihn einerseits am Kreuz tief betrübt haben. Andererseits wurde jede gute Tat, jedes Kreuz, das wir geduldig tragen, jedes Opfer, das wir freiwillig bringen – aus Liebe zu ihm, versteht sich – zum großen Trost und Beistand in diesen qualvollen Stunden. Mit allem Guten haben wir Jesus gezeigt, dass wir ihn nicht allein lassen wollten.

Jesus nicht allein lassen!

Der selige Francisco von Fatima wollte nichts lieber als den leidenden Jesus trösten. Auch wir mögen in dieser österlichen Bußzeit die leidenschaftliche Liebe Jesu zu uns wieder neu entdecken, ihn trösten mit einer guten Osterbeichte, Gebet (z. B. dem Kreuzweg) und Opfer – einfach mit (konkreter) Liebe. So lassen auch wir ihn, der uns so liebt, dass er sein Leben für uns hingegeben hat, nicht allein.

Eine fruchtbare Fastenzeit und ein gnadenreiches, frohes Osterfest wünscht Euch in Christo per Mariam

P. Martin Linner SJM