September 2008
Liebe Jungen und Mädchen!
Nach den Sommerlagern werden immer zahlreiche Jungen und Mädchen
neu in die Adressenliste des Rundbriefs der «Erneuerung der Jugend
in Christus durch Maria» aufgenommen. Darunter sind auch jedes Mal
viele im Alter von zehn bis zwölf Jahren, die ihre Marienweihe
gemacht haben.
Wenn ich euch heute über unser Glaubensleben anhand des Märchens
Schneewittchen schreibe, hat das mehrere Gründe: Zum einen soll auch
mal speziell was für die Jüngeren dabei sein. Zum anderen haben
Märchen und das Leben eines jeden Menschen – wenigstens so wie es
der Plan Gottes vorsieht – eine wichtige Gemeinsamkeit. Die Märchen
und auch das Leben eines gläubigen Christen gehen immer gut aus!
Ihr kennt ja das Märchen: Eines Tages wünscht sich die schöne
Königin sehnlichst ein Kind. An einem kalten Wintertag sitzt sie am
Fenster, das einen Rahmen aus schwarzem Ebenholz hat, und näht. Beim
Betrachten der Schneeflocken wird sie abgelenkt und sticht sich mit
der Nadel in den Finger. Als sie drei Tropfen Blut auf den Schnee
fallen sieht, denkt sie: „Hätt’ ich ein Kind, so weiß wie Schnee, so
rot wie Blut, und so schwarz wie Ebenholz.“
Auch der liebe Gott will jeden von uns wunderbar schön haben, das
ist sein Plan mit uns. Deshalb heiligt er jeden Menschen in der
Taufe – und reinigt ihn später in der hl. Beichte –, dass er ganz
rein, ganz heilig ist, „weiß wie Schnee“. Unsere Lippen dürfen in
der hl. Kommunion den Leib und das Blut Christi empfangen und werden
so auch gleichsam „rot wie Blut“. Es ist im Märchen von drei
Tropfen die Rede, wo wir in unseren Überlegungen auch an die
allerheiligste Dreifaltigkeit denken dürfen: Gott Vater, Gott Sohn
und Gott Heiliger Geist. In jeder hl. Kommunion kommt Christus mit
Fleisch und Blut zu uns, aber wird haben in ihm auch Gemeinschaft
mit der ganzen Dreifaltigkeit.
Das Wunder der Heilung und Heiligung, das uns Gott zukommen
lässt, geschieht am Holz des Kreuzes Christi. Damit wird aber auch
uns selbst das Kreuz zu einem Zeichen des Heils: „Denn das Wort vom
Kreuz ist denen, die verloren gehen, Torheit; uns aber, die gerettet
werden, ist es Gottes Kraft“ (1 Kor 1,18). Dieses Zeichen tragen wir
seit der Taufe auf unserer Stirn.
Nach Schneewittchens Geburt stirbt ihre Mutter. Ein Jahr später
nimmt sich der König eine andere Gemahlin. Die ist sehr schön, aber
stolz, übermütig und böse. Sie kann es nicht ertragen, an Schönheit
übertroffen zu werden. Als ihr sprechender und allwissender Spiegel
Schneewittchen und nicht sie die Schönste im ganzen Land nennt,
beauftragt sie den Jäger, ihre Stieftochter umbringen zu lassen und
ihr zum Beweis Lunge und Leber zu bringen. Doch dieser lässt das
Mädchen laufen und bringt der Königin stattdessen Lunge und Leber
eines jungen Rehs.
Auch wir Menschen sind durch die Gnade Gottes wunderbar erneuert,
wunderschön. Doch wir haben ebenso Feinde, die uns übelwollen und
unser Glück nicht ertragen können. Als ersten Feind müssen wir –
anhand zahlreicher Schriftstellen – den Teufel ausmachen (vgl. Mt
13,39; Mt 4,1 od. Lk 8,12). Dann gibt es aber immer auch schlechte
Menschen, die uns übelwollen. Ganz besonders auf der Hut soll jeder
aber auch vor seinen eigenen schlechten Neigungen sein. Im Zorn, in
Bequemlichkeit oder Leidenschaft tut man schnell mal Dinge, die man
später bitter bereut.
Doch trotz aller menschlichen Schwäche gibt es „Gott sei Dank“
Christus. Er hat sein Leben für uns hingegeben und opfert dem Vater
nicht nur Lunge und Leber, sondern in unendlicher Liebe sein Herz
für unsere Sünden.
Schneewittchen flüchtet durch einen Wald und die wilden Tiere tun
ihr nichts. Auch das ist ein kleines Wunder. Aber ebenso viele
kleine Wunder schenkt uns der Liebe Gott täglich, wie die kleine
Therese von Lisieux sagt: „Gott räumt tagtäglich zahlreiche Steine,
über die wir sonst stolpern und fallen würden, im Voraus weg, so
dass wir vielen Gefahren entrinnen und vieles schaffen, was sonst
nicht möglich wäre. Und dabei ist uns oft nicht klar, dass Gott es
ist, der dieses wunderbare Gelingen schenkt.“
Schneewittchen kommt auf ihrem Weg über die sieben Berge zu einem
Häuschen, wo ein Tisch für sieben Personen gedeckt ist, an dem sie
sich bedient. Als es ganz dunkel ist, kommen die Herren des
Häuschens, die sieben Zwerge, die in den Bergen nach Erz graben. Sie
sind erstaunt, dass jemand von ihrem Tellerchen gegessen, aus dem
Becherchen getrunken ... hat. Im Bett des siebten Zwergs finden sie
das schlafende Schneewittchen. Am nächsten Morgen erklärt das
Mädchen ihnen ihr Leid und es darf im Haus der Zwerge wohnen
bleiben. Es braucht nur die Hausarbeiten zu verrichten. So wird es
dem Schneewittchen an nichts fehlen.
Die sieben Zwerge mit ihrem Häuschen möchte ich in Bezug zu den
Priestern und der Kirche setzten. Auch die Priester sind normale,
«kleine» Menschen. Allerdings hat Gott durch die Weihe in ihnen
Großes gewirkt. Er schenkt ihnen Verfügungsgewalt über das Heilige,
ja ihn selbst. Die Priester dürfen im Auftrag Christi das tun, was
nur Gott tun kann: Sünden vergeben, Brot und Wein in Leib und Blut
Christi verwandeln und den Leib Christi an die Gläubigen ausspenden
... Sie dürfen das Erz der Gnade Gottes, den Reichtum seiner
Weisheit zu Tage fördern und den Menschen austeilen. Durch die
Arbeit der Zwerge ist alles Lebensnotwendige im Häuschen. So kann
auch Schneewittchen darin wohnen, ohne etwas zu vermissen. Auch uns
Menschen schenkt die Kirche alles, was wir zum übernatürlichen Leben
brauchen. Auch uns fehlt es an nichts.
In der Zahl sieben können wir auch zeichenhaft die sieben
Sakramente der Kirche sehen (Taufe, Buße, Kommunion, Firmung, Ehe,
Priesterweihe, Krankensalbung). In diesen schenkt sich uns Christus
ganz und gar. Hier gibt er uns alles, was wir für das Leben und die
Heiligung unserer Seele brauchen. Für alle Knotenpunkte unseres
Lebens, in allen wichtigen Situationen stellt er uns seine helfende
und heiligende Gnade bereit.
Währenddessen befragt die böse Königin ihren Spiegel ein weiteres
Mal nach der schönsten Person im Königreich: „Spieglein, Spieglein
an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Der Spiegel
verrät ihr hierbei, dass Schneewittchen noch am Leben sei und sich
hinter den Bergen im Haus der Zwerge verstecke: „Frau Königin, ihr
seid die Schönste hier, aber Schneewittchen hinter den sieben Bergen
bei den sieben Zwergen ist noch tausendmal schöner als ihr.“ Und da
entbrennt der Zorn der bösen Stiefmutter aufs Neue. Sogleich macht
sie sich auf den Weg, Schneewittchen zu töten. Sie verkleidet sich
als Händlerin. Ein schönes Zierband bindet sie Schneewittchen derart
fest um die Brust, dass es nicht mehr atmen kann und erstickt. Als
die Zwerge nach Hause kommen, sind sie bestürzt über den Tod
Schneewittchens. Aber einer entdeckt den Schnürriemen, bindet ihn
los und Schneewittchen kommt wieder zum Leben.
Das ist eigentlich ein Wunder, denn wer einmal erstickt ist und
einige Stunden so am Boden liegt, wird nicht mehr lebendig. Und ein
Wunder schenkt uns Gott auch immer wieder in der Kirche. Auch wenn
einer durch die schwere Sünde tot geworden ist, kann Christus heilen
– in der hl. Beichte durch seine Priester.
Sobald die böse Königin zu ihrem Schloss zurückgekehrt ist,
befragt sie erneut ihren Spiegel. Zu ihrem Entsetzen erfährt sie,
dass Schneewittchen wieder am Leben ist und immer noch schöner als
sie. Währenddessen werden die Zwerge nicht müde, Schneewittchen
einzuschärfen, dass es auf der Hut sein müsse und niemandem Tür oder
Fenster aufmachen dürfe. Und diese Warnung war keineswegs
unbegründet. Am nächsten Tag kommt die Königin erneut, diesmal als
Krämerin verkleidet und bietet schöne Kämme feil. Das arme
Schneewittchen kann nicht widerstehen, öffnet die Tür, lässt sich
einen vergifteten Kamm ins Haar stecken und stürzt tot zu Boden.
Doch Gott sei Dank kommen bald die Zwerge heim, entdecken den
giftigen Kamm und befreien die Königstochter davon, so dass sie
wieder zum Leben kommt. Auch wir müssen wissen, dass der Teufel,
böse Menschen und auch unsere schlechten Neigungen nie ruhen. Es ist
nun mal so, dass man ein ganzes Leben lang auf der Hut sein und
kämpfen muss. Und den Zwergen oder Priestern (und auch Eltern)
sollte man es nicht übel nehmen, wenn sie in ihrer Liebe zu uns
immer auch ein warnendes Wort haben. Das ist sogar ihre schwere
Pflicht (vgl. Ez 33,7-9)!
Die böse Stiefmutter kommt wieder. Und diesmal hat sie sich etwas
Besonderes ausgedacht. Als alte Bauersfrau verkleidet verkauft sie
Äpfel. Schneewittchen gerät beim Anblick eines besonders roten
Apfels geradezu in Entzücken. Sie weiß, dass sie sich mit der
Bäuerin nicht abgeben darf, doch die Versuchung ist größer. Sie
weiß, dass es um Leben und Tod geht. Und trotzdem will sie den Apfel
unbedingt haben. Und schließlich glaubt sie der Bauersfrau, von der
sie weiß, dass sie auch ihre Stiefmutter sein könnte. Ein wenig noch
ist sie unentschlossen. Doch die Alte reicht Schneewittchen die rote
Apfelhälfte und ist selber bereit, das andere Stück zu essen. „Dann
muss sie ja ehrlich sein“, denkt Schneewittchen, isst – und fällt
tot zu Boden.
Bei Schneewittchen sehen wir, wie übermächtig die Versuchung
zuweilen werden kann, sobald man ihr einen Fingerbreit nachgibt oder
überlegt, ob man nachgeben könnte. Schneewittchen hatte ja alles,
„es fehlte ihm an nichts“, wie es ausdrücklich bei den
Gebrüdern Grimm heißt. Und doch ist es nicht zufrieden damit, will
mehr haben. Sie will das haben, was ihr nicht zusteht, was ihr
verboten ist, weil es ihr nicht nützt. Bei jeder Sünde geht es uns
eigentlich genauso. Wir wollen etwas haben, was nicht gut für uns
(und für andere) ist. Wir wissen durch die Lehre der Kirche und
unser Gewissen, dass es verboten und nicht gut ist – und doch: wir
tun es. Die Folge davon ist kein größeres Glück, nein, Verwundungen
oder sogar der Tod. Gott hat uns alles gegeben, was wir brauchen, um
glücklich zu sein. Und das, was er uns gibt, ist gerade das, was uns
am meisten glücklich macht! Letztlich ist der Sünder daher dumm,
wenn er sein Glück verspielt und sich dem Unglück zuwendet, um
scheinbar «noch glücklicher» zu sein.
Da Schneewittchen keine äußeren Spuren des hinterlistigen
Treibens der Stiefmutter zeigt, sind die Zwerge machtlos. Auch die
Priester können in der hl. Beichte nur dann von den Sünden
lossprechen, wenn wir sie aufrichtig beichten, dem Beichtvater
offenkundig machen, d. h. sie demütig Christus als Arzt und Heiland
übergeben.
Schneewittchen scheint zu schlafen und doch ist es mehr als ein
Schlaf. Daher sind die Zwerge traurig. Aber weil sie das schöne
Schneewittchen immer noch lieben, legen sie es in einen gläsernen
Sarg, um es stets anschauen zu können. Auch die schwere Sünde macht
uns normalerweise nicht gleich leiblich tot, aber es ist so etwas
wie ein Todesschlaf. Von außen merkt ein unaufmerksamer Mensch nicht
gleich was. Und doch: Ein schwerer Sünder ist zu nichts mehr zu
gebrauchen, ist traurig, wie gelähmt.
Da reitet nun ein Königssohn vorbei. Ein kurzer Blick genügt und
er verliebt sich selbst in die tote Prinzessin. Nur ungern stimmen
die Zwerge dem Wunsch des Prinzen zu, Schneewittchen auf sein
Schloss zu tragen. Beim Schleppen des Sarges stolpert einer der
Zwerge über einen niedrigen Strauch oder eine Wurzel, der Sarg
schlägt mit seiner Fußseite heftig zu Boden, und das giftige
Apfelstück rutscht Schneewittchen aus dem Hals. Nun erwacht sie aus
ihrem Todesschlaf, der Prinz führt sie im Gefolge der Zwerge auf
sein Schloss und es wird froh Hochzeit gehalten und gegessen.
Die Sünde muss weg, nur dann haben wir das Leben in Fülle. Daher
lässt auch Christus nichts unversucht, um uns zu diesem Leben zu
führen. Das Märchen auf unser Glaubensleben übertragen zeigt uns,
dass auch zu uns der Königssohn, d. h. Christus der Gottessohn
kommt. Um jeden Menschen kümmert er sich, in jeden Menschen ist er
«verliebt», jeden Menschen will er bei sich haben. Selbst wenn die
Zwerge überfordert sind, die Priester nicht mehr weiterwissen, ist
die Hoffnung noch nicht aufzugeben. Denn: Es gibt ja Gott sei Dank
noch die Wurzel. Wer ist diese Wurzel? Die Kirchenväter hatten für
die berühmteste Wurzel der Hl. Schrift immer eine exakte Zuordnung:
Die Wurzel Jesse oder Wurzel Isais (vgl. Jes 11,10) ist die
Muttergottes, aus der der Reis/Spross, Christus geboren wurde. Wenn
alle Stricke reißen, wir selber nicht mehr weiterwissen, oder auch
gute Menschen, die uns lieben, mit uns nicht mehr weiterwissen, ist
auf eine Verlass: die Muttergottes. Folglich ist es wichtig, das
ganze Leben lang Bodenhaftung zu dieser Wurzel, der Jungfrau Maria
zu halten. Deshalb habt ihr euch Maria auch geweiht, um leichter
Kontakt mit ihr zu haben. Die gelebte Weihe an ihr unbeflecktes
Herz, die ihr wenigstens einmal im Monat, aber besser täglich (mit
kurzen Worten) erneuert, festigt eure Freundschaft zu Maria und
macht es auch ihr als Mutter leichter, euch stets wirksam zu helfen.
Oft ist das Leben freilich endlos spannend, zuweilen spannender
als uns lieb ist. Es geht immer wieder um Tod und Leben – im
natürlichen und im übernatürlichen-religiösen Leben. Aber wir sind
ja nicht allein. Jesus und Maria gehen mit uns. Und so wissen wir,
dass jede Herausforderung letztlich gut ausgeht, wenn wir mit den
beiden heiligsten Herzen Jesu und Mariä verbunden bleiben. Da wird
es immer ein Happy-End geben – wie im Märchen!
Euer in Christo per Mariam
P. Martin Linner SJM
