Bericht über die Arbeit in der Pfarrei Hl. Andreas in Temirtau, sowie in der Caritas in Zentralkasachstan
Im Mai 2007 kam die Versetzung von Korneewka im hohen Norden in die Zentralsteppe Kasachstans nach Karaganda, bzw. Temirtau. Die Entfernung beträgt ca. 800 km. Der Empfang von Erzbischof Lenga und Weihbischof Athanasius war sehr herzlich.
Wohnen durfte ich im Pfarrhaus der Dompfarrei Hl. Josef in Karaganda, im Stadtteil Majkoduk. Dieser Ort ist auch unter dem Namen „Klein Berlin“ bekannt, da hier bis zur Wende fast nur Deutschstämmige lebten. Hier war in der UdSSR das katholische geistliche Zentrum für ganz Vorderasien. Der dortige scheidende Pfarrer P. Wladimir aus der Slowakei, hat mich ca. einen Monat lang in die hiesige Pfarrarbeit eingewiesen und aus seiner zweijährigen Erfahrung manch guten Rat gegeben. Dann kehrte er mit seinen beiden Missionshelfern in die Heimat zurück. Bis zur Ankunft unseres Mitbruders P. Hans Peter im September hatte ich nun die Ehre Dompfarrer zu sein.
Gleichzeitig hat der scheidende Caritasdirektor P. Adelio dell´ Oro mich täglich vormittags in die Arbeit der hiesigen Caritas eingeführt. Er selber hat im Auftrag des Erzbischofs, welcher der Präsident der Nationalen Caritas Kasachstans ist, zusammen mit Antonio 1997 dieses Werk begonnen. Zu einer Zeit also, als die Not der Bevölkerung nach dem Zusammenbruch der UdSSR am größten war. Es ist unglaublich, wie sich in diesen vergangenem Jahrzehnt die Situation verändert hat. So erzählte z. B. Antonio, ein Italiener und Familienvater von neun Kindern, welcher bis jetzt noch aufopferungsvoll als Hauptverantwortlicher für die Projekte der Caritas tätig ist, folgendes: Vor zehn Jahren konnte man auf der zentralen Hauptstraße von Karaganda, der zweitgrößten Stadt Kasachstans, ungehindert spazieren gehen. Heute ist der Autoverkehr dort mit jeder westeuropäischen Großstadt zu vergleichen. Seit Juli 2007 darf ich dieses Werk der Nächstenliebe fortsetzen. An dieser Stelle möchte ich mich offiziell ganz herzlich bei P. Hiener, unseren Missionsprokurator, für seine Unterstützung der karitativen Arbeit bedanken.
Nachdem P. Hans Peter zum Administrator von der Dompfarrei in Karaganda ernannt worden war, bekam ich die Ernennung zum Administrator der Pfarrei Hl. Andreas in Temirtau (Eisenstadt), wo ich auch seit September`07 wohne. Don Giuseppe, welcher dort zehn Jahre lang als Pfarrer Gott und den Menschen diente, kehrte im August desselben Jahres in seine Heimat nach Norditalien zurück. Mein neuer Wohnort ist vom Arbeitsplatz in der Caritas in Karaganda ca. 50 Km entfernt. Das bedeutete über ein Jahr lang, außer Samstags, täglich 100 km mit dem Auto zurückzulegen. Sonntag abends war noch eine kleine Pfarrgemeinde in der Innenstadt von Karaganda zu betreuen. Im Winter ist das oft sehr abenteuerlich, denn die Straßen sind manchmal spiegelglatt. Es wird zwar geräumt, aber nicht mit Salz gestreut, was bei Minustemperaturen von –10°C bis –30°C ja keinen Sinn macht. Es kommt sogar vor, dass auf der Verbindungsstraße zwischen den beiden Städten, die nur 12 km durch die offene Steppe geht, der Schneesturm so stark ist, dass man richtig spürt, wie man von der glatten Fahrbahn langsam weggeweht wird. Ganz sperren musste man sie jedoch nur sehr selten. Seit November`08 habe ich aber die Arbeitszeit in der Caritas auf zwei Tage in der Woche reduziert. Der Grund ist einerseits, dass man sich auf die Angestellten im Caritasbüro hundert Prozent verlassen kann, die verschiedenen Arbeitsbereiche gut aufeinander abgestimmt sind und ein gutes Arbeitsklima herrscht. Anderseits natürlich, dass ich mich mehr um die Seelsorge in der Pfarrei kümmern wollte.
Die Pfarrei Hl. Andreas in Temirtau ist seit ca. 12 Jahren offiziell registriert. Aber schon sehr viel früher haben sich hier katholische Christen in einem Privathaus zum Gebet versammelt. Dieses Haus existiert noch heute. Nach der Wende bekam diese Gemeinde von der Stadt ein Grundstück von fast einem Hektar Größe zugeteilt. Hier stellte dann auch vor 12 Jahren Renovabis auf Bitten des Erzbischofs Lenga eine ihrer charakteristischen Fertig–Holzkirchen auf. Diese Kirche fasst um die 80 Menschen und ist zwar schlicht, aber schön und würdig des Gottesdienstes. Um die fünf Jahre später wurde bereits unter der Leitung von Don Giuseppe das Pfarrhaus mit Pfarrsaal und anderen Räumlichkeiten zugebaut. Ebenfalls auf Kosten von Renovabis. Der Baustiel hat italienischen Charakter, wovon besonders die großen, hohen und lichtdurchfluteten Räume zeugen. Sehr dankbar bin ich Don Giuseppe, der uns bereits letzen August besucht hat, für den Verbindungsgang zwischen Pfarrhaus und der Kirche. So kann man zu jeder Zeit, bei jeder Witterung und Temperatur ungehindert und ohne Umstände den Herrn im Tabernakel aufsuchen. Das ist so schön wie in einem richtigen Ordenshaus, ein Mussenhausen im Kleinen. Ein großer Vorteil ist auch, besonders für die älteren Pfarrangehörigen, dass unser Gotteshaus sehr zentral gelegen ist. Zum Hauptmarkt sind es auch nur 15 min. zu Fuß. Dieselbe Zeitspannen braucht man zum Kloster und Hospitz der Schwestern von der Mutter Theresia. Dort ist außer Sonntags jeden Tag um 7.30 h Hl. Messe, an welcher fast alle Hospitzbewohner ebenfalls teilnehmen. Den Weg hin und zurück nehme ich als Frühsport und hoffe diesbezüglich auf Nachsicht bei der Ordensleitung.
Einen bedeutenden Nachteil hat allerdings unsere Stadt, welche immerhin ca. 140.000 Einwohner zählt. Wenn wir nämlich Ostwind und Tiefdruck haben, liegt eine dichte Rauchwolke über unserem Stadtteil. Sie kommt von den großen Eisen- und Stahlwerken am östlichen Stadtrand, von welchen die Stadt auch ihren Namen hat: Temir d.h. auf kasachisch Eisen. Wegen dieser noch heute bedeutenden Werke, wurde Temirtau überhaupt erst vor 60 Jahren von Stalin gegründet. Auch heute arbeitet ein großer Teil der Stadtbevölkerung dort.
Die Pfarrgemeinde von Hl. Andreas zählt an die 70 regelmäßigen Gottesdienstbesucher am Sonntag. Werktags sind es freilich weniger. Aber es ist eine Gemeinde, welche sich aus allen Altersgruppen zusammensetzt: Kinder, Jugend, Erwachsene und natürlich die Babuschkas und Djeduschkas, auch Wochentags. Wir haben drei eifrige Ministranten und einen Küster und zugleich auch Hausmeister, Pawel, der deutschstämmig ist und noch zur Urgemeinde hier gehört. Es gibt auch seit drei Monaten einen Wachhund (ein noch junger Schäferhund mit dem Namen Lea, nachdem unser Kaplan P. Leopold vor vier Monaten zu P. Eichenhüller für eine Woche gefahren ist und bisher noch nicht zurückkehrte; so blieb wenigstens der Name). Außer der gesamten Stadt, gehören zur Pfarrei noch 14 Dörfer. So Gott will, möchten wir im Frühling mit Pastoralfahrten dorthin beginnen.
Die Menschen in der Gemeinde sind einfach und fromm. Seit dem Osterfest letzten Jahres haben wir in unser Pfarrkirche einen Hochaltar und eine Kommunionbank. Der Erzbischof hat es anlässlich eines Besuches, erlaubt und der Weihbischof hat sich darüber sehr gefreut. Von Seiten der Gemeinde war überhaupt kein Widerstand da, im Gegenteil. Und da in ganz Kasachstan nur die Mundkommunion erlaubt ist und ich grundsätzlich nur den ersten Messkanon verwende, vermisse ich den vetus ordo auch nicht so sehr, zu dessen Feier bisher leider nur sehr selten Gelegenheit war. Für diese große Freiheit in der Entfaltung unserer Ordensspiritualität im Gemeindeleben, welche ja nichts anderes ist, als die traditionelle und vielbewährte Volksfrömmigkeit der katholischen Kirche, kann ich unserem Herrn nicht genug danken. Damit diese bodenständige und im persönlichen geistlichen Leben so sehr nützliche Frömmigkeit sich verwurzelt, besonders was die Herz–Jesu und Herz–Marienverehrung betrifft, steht im Hochaltar eine Herz-Jesu Statue. Vor jedem Sonntagsgottesdienst ist eine Stunde vor Messbeginn Anbetung vor dem ausgesetzten Allerheiligsten, welche die Herz-Jesu Litanei, Stille für persönliche Gebete, den Rosenkranz und den eucharistischen Segen einschließt. Natürlich mit Beichtgelegenheit. Nach der Hl. Messe gibt es dann noch den Kindersegen. Dazu kommen die Kinder zur Kommunionbank und jedes bekommt nach einem kurzen Segensgebet ein Kreuzchen auf die Stirn. Ich muss gestehen, das dies eine meiner liebsten Beschäftigungen ist. Vor der Statue Unserer Lieben Frau können die Gläubigen Kerzen in ihren Anliegen aufstellen. Sonntags ist meistens kein freier Platz mehr und der ganze Ständer ist voller brennender Kerzen, welche von der glühenden Marienverehrung dieser Menschen zeugen. Auch dafür sei Gott gedankt, denn viele dieser Kerzen brennen für Kinder, Enkel, Ehepartner, Verwandte und Bekannte, welche Gott und der Kirche noch fern sind, welche Alkoholprobleme haben, usw. Und die Gebete derer, die sie dort zur ehren unserer himmlischen Mutter, der großen Gnadenvermittlerin anzünden, sind ganz sicher nicht vergeblich.
Ich versuch auch durch gelegentliche Wiederholung in der Predigt auf den Wert der Sakramentalien und der Engelverehrung, besonders des hl. Schutzengels, hinzuweisen. Kleine Erfolge sind schon, Gott sei Dank, sichtbar. So ist der 10 l Weihwasserbehälter nach der Sonntagsliturgie gewöhnlich leer. Auch die 100 l Tonne mit dem Dreikönigswasser war dieses Jahr leer. Letztes Jahr haben sich noch um die 15 Personen zur Haussegnung nach Erscheinung des Herrn eingeschrieben, dieses Jahr waren es schon über 30 Adressen. Um die Heiligenverehrung zu fördern haben wir eine Art Pinnwand im Großformat im Kirchenvorraum aufgehängt, an welcher Bilder von Heiligen befestigt sind (vor allem aus dem Haussegen Kalender. Wenn jemand noch Heiligenbilder übrig hat, bitte schickt sie). Es kommt gar nicht so selten vor, dass Kirchenbesucher davor stehen bleiben und sie betrachten und sich an eine erbauliche Begebenheit aus dem Leben dieses oder jenen Heiligen erinnern, welche sie im Katechismusunterricht gehört oder in der Heiligenlegende aus der Pfarrbibliothek gelesen haben.
Unterricht in der Glaubenslehre findet regelmäßig nach der Sonntagsmesse statt. Dabei halten den Erstkommunion-, bzw. Taufunterricht bei den Kindern die Mutter Theresia Schwestern. Um die Jugend kümmern sich gewöhnlich die Seminaristen, welche bei uns ihr Pfarrpraktikum absolvieren und ich halte für die Erwachsenen Katechese. Für die Kranken gibt es am ersten Samstag im Monat die Krankenkommunion. Letzte Woche hat zudem Freitags der Firmkurs begonnen. Zur Glaubensvermittlung haben wir auch eine kleine Pfarrbibliothek eingerichtet und einen Laden, wo man v.a. Rosenkränze, Medaillen, Kerzen und Gebetbücher bekommen kann.
Im letzten Jahr hatten wir 6 Taufen, 5 Erstkommunionen, 1 Trauung und viele, viele Beerdigungen. Das sind freilich sehr bescheidene Zahlen, aber es handelt sich ja dabei um unendlich kostbare Menschenseelen. Und das schöne ist, das sie so dankbar sind für alles.
Damit des aber mehr werden, bitte ich Euch um Euer Gebet für unsere Missionspfarrei und für mich armen Sünder.
Herzliche Grüße,
P. Janusch
