Editorial unserer Ordenszeitschrift "Der Ruf des Königs", Nr. 20, 4. Quartal 2006
von P. Andreas Hönisch SJM
Im folgenden veröffentlichen wir den Hauptteil des Editorials:
Das Jahr 2006 geht dem Ende entgegen. Es lohnt sich, über ein paar wichtige Ereignisse nachzudenken, um gestärkt ins neue Jahr zu gehen. Das Jahr 2007 erinnert uns daran, dass vor 90 Jahren die Gottesmutter in Fatima erschienen ist. Darüber will ich am Ende dieses Artikels schreiben. Eines der herausragendsten Ereignisse des augenblicklichen Jahres 2006, das zu Ende geht, war sicher der Besuch des Heiligen Vaters Papst Benedikt XVI. in Bayern. Diesem soll der Hauptteil dieses Editorials gewidmet sein.
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Der Papstbesuch in Bayern.
Ich hatte das Glück, alle Gottesdienste, die Hl. Messen und die Vespergottesdienste, aufmerksam zu verfolgen und bin somit in der Lage, ein paar Gedanken darüber in dieser Nummer des „Ruf“ niederzuschreiben. ...
Jetzt komme ich zu den Gottesdiensten und noch nicht zu den Papstansprachen. Am Fernsehschirm sieht man mehr als wenn man unter Tausenden von Menschen steht. So will ich lieber am Anfang das Negative sagen, damit das Positive dann besser im Gedächtnis bleibt. Wie immer bei solchen Gottesdiensten im Freien für Hunderttausende von Menschen ist seit Einführung der Handkommunion die Kommunionausteilung das Problem schlechthin. Die Filmkamera ist unerbittlich, so dass man neben andächtigen Szenen auch wirkliche Skandale miterleben muss, die einen das Herz bluten lassen. Da gegen die Vorschriften von Rom normalerweise keine Patene gebraucht wird, ist in vielen Fällen die Vernachlässigung der Sorgfalt bei der Austeilung geradezu vorprogrammiert. Man könnte dies auch anders handhaben, wie es in früheren Zeiten z.B. bei eucharistischen Kongressen der Fall war: Mit dem Priester gehen zwei Ministranten mit, einer mit Flambo, der andere mit Patene. Handkommunion war verboten. Wer es gesundheitlich konnte – und das waren die meisten – kniete sich hin und empfing die Hl. Kommunion, wobei die Patene den Schutz bot, dass keine Partikelchen auf die Erde fielen. Solange die westliche Christenheit nicht zu einer liebenden Ehrfurcht vor dem Geheimnis des Leibes Christi zurückkehrt, ist mit einer Überwindung der Krise im Westen nicht zu rechnen. Zum Glück gibt es in der Weltkirche noch Bischofskonferenzen und Kirchenprovinzen, in denen die Handkommunion verboten ist. Unsere SJM-Patres, die in Kasachstan und in Rumänien arbeiten, haben keine Probleme: Dort ist die Handkommunion strikt verboten. So wollen es die dortigen katholischen Bischöfe.
Aber jetzt endlich zum Positiven. Ich bin immer noch nicht bei den Papstansprachen, denn die waren ohnehin nicht nur positiv, sondern sie hatten eine geistliche Tiefe, auf die ich im letzten Teil dieses Artikels noch zu sprechen kommen werde. Im Augenblick bin ich aber immer noch bei den Gottesdiensten, sowohl bei den Hl. Messen als auch bei den Vespergottesdiensten. Was mir im Gegensatz zu früheren Gottesdiensten dieser Art in Deutschland aufgefallen ist: Das musikalische Niveau war bei allen Gottesdiensten einfach sagenhaft! Keine Spur mehr von Musik und Liedern, in denen die Texte vielleicht dogmatisch noch stimmen mögen, in denen aber die Musik in die Kaffeehäuser und Discos gehört, nicht aber in das tiefste Geheimnis der Katholischen Kirche, in das Hl. Messopfer. Was die musikalische Umrahmung der Gottesdienste betrifft, so kam ich aus dem positiven Staunen nicht mehr heraus. Es war einfach ein geistliches Ereignis! Auch haben gute Lieder aus dem Gotteslob ihren Platz da gehabt, wo die ganze Gemeinde gesungen hat.
Wir sollten daraus lernen: Wir sollten gerade in der Jugend nicht auf einen „Zug aufspringen“, welcher gerade schon wieder abfährt. Es ist zu wünschen, dass endlich Schlagermusik in der Liturgie nichts mehr zu suchen hat! In die Liturgie gehört eine geistliche Musik, die nach innen führt, die zum Gebet hinlenkt, und nicht eine Musik, die aufputscht und vom Beten fernhält. Hier noch einmal Dank all denen, die für eine tiefe, geistliche, musikalische Gestaltung der Gottesdienste beim Papstbesuch gesorgt haben. Da ich ja selber, wie wohl bekannt sein dürfte, ein Musik-Fan bin, darf ich mir noch ein besonderes Lob erlauben: Alles hat mir gut gefallen, aber am allerbesten hat mir die Musik bei den Gottesdiensten in Regensburg gefallen.
So, und jetzt will ich noch kurz auf die Ansprachen des Heiligen Vaters zu sprechen kommen. Ich sage absichtlich „kurz“, denn um alles auszuloten, was Papst Benedikt uns zu sagen hatte, bräuchte es viel viel mehr Platz als es so ein Artikel hergeben kann. Ich will versuchen, es in einem Satz zusammenzufassen, was mir wie ein roter Faden bei allen Ansprachen aufgefallen ist: Der Papst hat uns immer wieder die Herrlichkeit, ja die göttliche Schönheit des katholischen Glaubens vor Augen gestellt. Seine Reden waren wie immer druckreif, mit bis ins kleinste ausgefeilten Formulierungen. Die Inhalte zeugten von theologischer Tiefe; sie wurden aber so vorgetragen, dass auch jeder einfache Mensch sie verstehen konnte.
Der Papst sprach überzeugend und eindringlich, aber er überwältigte seine Zuhörer nicht; vielmehr strahlte seine Person eine Bescheidenheit und Güte aus, so dass es einem nicht schwer fiel zu erkennen, dass hier der Stellvertreter Jesu Christi auf Erden zu uns spricht.
Anfangs hatte ich mich manchmal gefragt, warum verkündet der Papst immer nur die Herrlichkeit des Glaubens und warum spricht er nicht oder nur sehr selten von der Sünde und von dem Verlust der ewigen Seligkeit, also der Hölle? Bald aber meinte ich, die Lösung gefunden zu haben. Die Glaubenslosigkeit eines großen Teiles der heutigen Menschheit hat ein solch ungeheures Ausmaß angenommen, dass einem das Wort des seligen Pater Alfred Delp SJ in den Sinn kommt: „Sie sind Gottes unfähig geworden.“ Mit andern Worten: Vieles, was zur übernatürlichen Offenbarung Gottes gehört, wie z.B. das Geheimnis der Hölle, verstehen viele heutige Menschen überhaupt nicht mehr. Ihnen muss erst einmal wieder der Sinn unseres Erdenlebens und die Herrlichkeit des Himmels, in die unser irdischer Pilgerweg einmal einmünden soll, aufgezeigt werden.
Erst wenn sie wieder wissen, was der Himmel ist, werden sie überhaupt fähig werden zu begreifen, was der ewige Verlust dieser Herrlichkeit Gottes bedeutet, nämlich die Hölle. Nur vom Geheimnis Gottes her, der Sich uns als der Dreifaltige Gott der Liebe und Barmherzigkeit geoffenbart hat, kann die Furchtbarkeit der Hölle begriffen werden, weil in Gott Barmherzigkeit und Gerechtigkeit keine Gegensätze sind.
Aber das allein, was ich bis jetzt geschrieben habe, wird den Ansprachen des Papstes nicht gerecht. Wenn man das Thema, das sich wie ein roter Faden durch alle mündlichen oder schriftlichen Veröffentlichungen des Papstes hindurch zieht, nämlich „Deus Caritas est“ (Gott ist die Liebe), konsequent zu Ende denkt, kommt man auf überraschende Erkenntnisse, die sehr wohl etwas mit der Hölle zu tun haben: Das Gegenteil von Liebe ist Hass. Hass entsteht durch Neid. Aus Neid und Hass zusammen entsteht Verzweiflung. Nun sind Neid, Hass und Verzweiflung genau die verewigten Zustände derjenigen, die aus eigener Schuld in der Hölle sind. Ohne eigene Schuld kommt keiner in die Hölle.
Wenn man Liebe zu Christus, unsern Herrn und Gott, und um Christi willen zum Nächsten hat, ist diese Liebe der größte Feind des Teufels, der Hölle. Der Teufel hasst die Liebe und die Barmherzigkeit wie die Pest.
Mit andern Worten: Wer Christus und den Nächsten liebt, kann nicht in die Hölle kommen, es sei denn er lässt in der Liebe nach und lässt Neid und Hass und auch Verzweiflung in sich hochkommen und übergibt sich somit dem Satan. Umgekehrt, wer sich von Neid, Hass und Verzweiflung abwendet und zu Liebe und Barmherzigkeit zurückkehrt, kehrt dem Satan den Rücken und wendet sich voller Vertrauen zu Christus.
Halten wir also fest: Das Gegenteil von Neid ist herzliches Wohlwollen, das Gegenteil von Hass sind Liebe und Barmherzigkeit, das Gegenteil von Verzweiflung ist Vertrauen. Im Himmel bzw. in der Hölle sind die jeweiligen Zustände verewigt. Solange der Mensch auf Erden lebt, kann sich der Mensch noch ändern, sowohl vom Guten zum Schlechten als auch vom Schlechten zum Guten. Deshalb mahnt einerseits der Hl. Petrus: „Brüder seid nüchtern und wachsam, denn euer Widersacher, der Teufel, geht um wie ein brüllender Löwe, suchend, wen er verschlingen könnte. Widersteht ihm standhaft im Glauben! (1 Petr. 5,8-9)" Und andererseits ermahnt und ermuntert uns der Hl. Apostel Jakobus: „Ein Gericht ohne Erbarmen geht über den, der kein Erbarmen geübt hat. Barmherzigkeit dagegen triumphiert über das Gericht. (Jakobusbrief 2,13)" Und Christus selbst sagt über die Sünderin zum Pharisäer: „Ihre vielen Sünden sind vergeben, denn sie hat viel geliebt. Wem aber weniger vergeben wird, der hat weniger Liebe. (Lk 7,47)" Das Fehlen von Liebe ist immer mit Bosheit gekoppelt. Deshalb sagt Jesus, als er über die Vorzeichen des Weltenendes redet: „Weil die Gottlosigkeit überhand nimmt, wird die Liebe der meisten erkalten. (Mt 24,12)" Und beim Weltgericht, wenn der „Menschensohn in Seiner Herrlichkeit mit seinen Engeln kommen wird“, wird das Kriterium dafür, ob man auf die rechte oder die linke Seite des Richters gestellt wird, einzig und allein die Liebe, bzw. das Fehlen der Liebe sein (Mt 25, 31-46)
Fazit: Wer also, wie es der Papst tut, über die Liebe predigt und sie als das Schönste, aber auch als das absolut Verpflichtende verkündet, kämpft mit der schärfsten Waffe, die es gibt, gegen den Teufel, mit der Liebe. Deshalb sagt der Hl. Paulus am Ende des Hohen Liedes der Liebe (1 Kor 13): „Trachtet nach der Liebe!“
Das Geheimnis von Fatima
Jetzt komme ich zum Schluss dieses langen Editorials, wie ich es eingangs schon angekündigt hatte: Zu dem Geheimnis von Fatima. Es schließt sich nahtlos an das bisher Gesagte an. Denn in Fatima geht es um eine groß angelegte Rettungsaktion des Himmels, um die Menschen mit Hilfe der Gottesmutter Maria zur Umkehr zu bewegen und sie so vor der Hölle zu bewahren. Im selben Jahr (1917), in dem drüben im östlichen Teil Europas die Revolution ausbricht, die Religion zerstört wird und den betrogenen Menschen ein irdisches Paradies verheißen wird dadurch, dass man den Reichen den Schädel einschlägt und sie zu Scharen hinrichtet, in demselben Jahr kommt die Mutter Gottes auf die Erde und bittet um genau das Gegenteil, Buße, Liebe und Sühne, um alle Menschen, die sich retten lassen wollen, zu retten, ganz gleich ob arm oder reich.
Es geht in Fatima sowohl um den Frieden auf dieser Erde, als erst recht um den Frieden mit Gott, also die Rückkehr zu Gott. Der Friede auf Erden ist erstrebenswert, noch wichtiger aber ist der Friede mit Gott, ohne den es keinen Frieden auf Erden gibt. Der Friede mit Gott aber bedeutet im Letzten: Ewig bei Gott zu sein und Bewahrung vor der Hölle. Wer die Botschaft von Fatima, die nichts anderes beinhaltet als die Botschaft des Evangeliums, verächtlich mit dem Titel „Drohbotschaft“ ablehnt, betrügt die Menschen.
Wenn ich einen Abgrund kenne aber nicht einen Menschen warne, der blindlings auf diesen Abgrund zuläuft, dann mache ich mich im höchsten Maße schuldig! Die Botschaft des Neuen Testamentes wird ja gerade deshalb zu einer Frohbotschaft, weil sie mir die Möglichkeit gibt, vor dem ewigen Abgrund bewahrt zu bleiben.
Lasst mich zum Schluss auf eine Begebenheit hinweisen, die man vom Seligen Pater Rupert Mayer berichtet:
Eines Tages ging er zu einer alten sterbenden Frau, die vom Glauben nichts mehr wissen wollte, um ihr dennoch, wenn sie wollte, die Sakramente zu spenden. Doch die Frau war verstockt und wollte nicht. Da ging der Selige Pater Rupert fort, um einen Strauß Blumen zu kaufen. Mit diesem Strauß kehrte er zur Frau zurück und drückte ihr den Strauß in die Hände mit folgenden Worten: „Da Sie bald in der Hölle für ewig sein werden, wollte ich Ihnen wenigstens für die letzten Stunden auf dieser Erde eine kleine Freude bereiten, und so schenke ich Ihnen diesen Strauß Blumen!“ Dies hat die Frau so erschüttert, dass sie sich noch in ihrer Sterbestunde bekehrte und die Sakramente empfing. Man schätzt Pater Rupert Mayer mit Recht als einen großen Sozialapostel. Aber das war nur die eine Seite. Die andere Seite war der heilige Seelsorger, der sich um das ewige Heil der Menschen in der Ewigkeit bemühte.
Die Sorge für die Menschen auf Erden ist wichtig. Aber wichtiger ist die Sorge um das ewige Heil. Für das materielle Wohlergehen der Menschen kann jeder nur soviel sorgen, wie ihm materielle Mittel zur Verfügung stehen. Für das ewige Heil der Menschen kann jeder Christ unermesslich viel tun, indem er betet, opfert und sühnt, und damit einen Ausgleich schafft für die unermesslichen Sünden und Verbrechen der Menschen. Und um dies bittet uns eindringlich die Mutter Gottes von Fatima. Ihrem Unbefleckten Herzen sich zu weihen, ist die große Bitte unserer Himmlischen Mutter. Wir wollen sie nicht enttäuschen.
Ich wünsche Ihnen allen die Gnade vom Göttlichen Kind in der Krippe und die immerwährende Hilfe Mariens für das kommende Jahr und für Ihr ganzes Leben! . . .
Dankbar
Ihr in Christo per Mariam
Andreas Hönisch SJM