von P. Andreas Hönisch SJM, in "Der Ruf des Königs", Nr. 17, 1.Quartal 2006
In diesem Beitrag will ich ein paar Hilfen anbieten, wie man mit der Bibel betrachtend beten kann. Ich halte mich weitgehend an eine einfache Methode des Hl. Ignatius von Loyola.
Zunächst der Text (1 Samuel 3, 1-10):
„Der junge Samuel diente dem Herrn unter der Aufsicht Helis. Des Herren Wort war etwas Seltenes in jenen Tagen. Gesichte waren nicht verbreitet. Eines Tages schlief Heli an seinem Platz. Seine Augen begannen schwach zu werden und hatten nicht mehr die volle Sehkraft. Der Leuchter Gottes war noch nicht erloschen und Samuel schlief im Tempel des Herrn, wo die Lade Gottes war. Da rief der Herr den Samuel, und dieser antwortete: ‚Hier bin ich!’. Er lief zu Heli und sprach: ‚Hier bin ich, du hast mich ja gerufen.’ Jener sprach: ‚Ich habe nicht gerufen, schlafe weiter!’ Er ging und schlief weiter. Da rief der Herr Samuel abermals. Samuel stand auf, ging zu Heli und sprach: ‚Hier bin ich, du hast mich ja gerufen!’ Doch jener entgegnete: ‚Ich habe nicht gerufen, mein Sohn! Lege dich wieder schlafen!’ Samuel kannte den Herrn noch nicht. Ein Wort von ihm war ihm noch nicht enthüllt worden. Da rief der Herr Samuel zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Heli und sprach: ‚Hier bin ich, du hast mich ja gerufen!’ Da ahnte Heli, dass der Herr den Knaben rief. Heli sprach zu Samuel: ‚Gehe und schlafe weiter! Und wenn er dich ruft, antworte: Rede, Herr, dein Diener hört!’ Samuel ging hin und legte sich schlafen an seinem Platz. Da kam der Herr, trat hin und rief wie die vorigen Male: ‚Samuel, Samuel!’ Samuel antwortete: ‚Rede, Herr, dein Diener hört!’"
Soweit der zu betrachtende Text.
Zunächst halte man sich das Geschehnis vor Augen, den „Ort" und die Handlung. Es dürfte nicht schwer fallen, sich in Gedanken ganz hineinzuversetzen, da der Text sich an Anschaulichkeit kaum überbieten lässt.
Will man über diesen Text zum inneren Beten kommen, versetze man sich zunächst in die Gegenwart Gottes. Der Himmel ist hoch interessiert an allem, was auf Erden geschieht, vor allem, wenn sich jemand zum Gebet begibt. Der Teufel allerdings auch, weil ihn das Gebet stört. So muss man auch immer mit Störungen rechnen, wenn man sich längere Zeit zum Beten nimmt. Man soll sich aber durch die verschiedensten Störmanöver Satans (z. B. Zerstreuungen, Versuchungen, Träumereien etc.) nicht aus der Fassung bringen lassen. Einfach unbeirrt weiter im Gebet fortfahren, so gut man eben kann.
Nach einer anbetenden Geste vor der Allerheiligsten Dreifaltigkeit (z. B. tiefe Verneigung) bittet man um das, was man bei dieser Betrachtung erlangen will. Zum Beispiel:
1) Liebe zur Katholischen Kirche
2) Hellhörig dem Ruf Gottes gegenüber
3) Leben in der Gegenwart Gottes
Jetzt gehe man in aller Ruhe den Betrachtungsstoff durch, indem man die drei Seelenkräfte – Gedächtnis, Verstand und Willen – einsetzt. Das Gedächtnis, um sich die Historie vor Augen zu stellen, also sich zu fragen, was ist damals geschehen. Verstand, indem man tiefer in das Geschehen eindringt, um es besser zu verstehen und so auch besser Nutzen für sich selbst daraus ziehen zu können. Willen, indem man immer wieder unterbricht und sein Herz zu Gott in Gebet und Anmutungen erhebt.
Anzumerken ist noch, dass man nicht unbedingt darauf aus sein muss, den ganzen Stoff durch zu betrachten. Wenn man vielmehr bei einer Textstelle sich in besonderer Weise zum Beten angeregt fühlt, soll man ruhig im inneren Gebet verweilen und erst weiter betrachten, wenn das Gemüt in „Trockenheit" gerät, so dass man wieder neue Nahrung braucht.
Nun im Folgenden ein paar Gedanken zum obigen Text:
Samuel wird geweckt. Er geht zu Heli. „Du hast mich gerufen." „Nein, geh wieder schlafen!" Dies geschieht dreimal. Wichtig ist, dass Samuel nicht sofort auf eigene Faust handelt, sondern er geht zum Hohenpriester, der die höchste Autorität in Israel verkörperte. Dies ist wichtig für jeden, der meint, eine Offenbarung von „Unbekannt" zu erhalten. Um festzustellen, wer hinter dem Angesprochen-Werden steckt, sollte der erste Gang immer zur Kirche sein! Geh zu einem klugen Beichtvater, der sich in geistlichen Dingen auskennt. Notfalls gehe bis zum Bischof und unterbreite ihm deine geistlichen außergewöhnlichen Erfahrungen. Er wird dir sagen, ob sie von Gott oder von seinem Gegenspieler kommen oder einfach von deiner eigenen Fantasie. Gehorche der kirchlichen Autorität! „Lege dich wieder schlafen!" Und Samuel legte sich wieder schlafen. Das ist gar nicht so einfach, wenn man doch sicher weiß, dass jemand gerufen hat! Erst recht schwer ist der Gehorsam, wenn das menschliche Herz versucht ist, nach geistlichen Tröstungen oder gar Sensationen zu hungern. Aber es hilft alles nichts: Gehorsam der Kirche gegenüber ist der goldene Weg schlechthin, um vor Täuschungen im geistlichen Leben bewahrt zu bleiben.
Erst beim dritten Mal erkennt Heli, dass es der Herr sein muss. Auch das ist bedeutsam! Die Kirche lässt sich Zeit zu prüfen, ob etwas übernatürlichen Ursprungs ist oder nicht. Und wir selbst sollten dem Urteil der Kirche nicht eigenmächtig vorgreifen, sondern auch warten lernen. Und auch Gott ist nicht böse darüber, dass Heli erst beim dritten Mal auf den Gedanken kommt, dass es der Herr ist. Gott hat Geduld, und die sollten auch wir haben!
„Rede, Herr, dein Diener hört!" Dies ist jetzt das Kernstück der folgenden Überlegungen. Um es gleich schon vorwegzunehmen: Der Herr redet immer! Und dieses immerwährende Sprechen Gottes ist der Schlüssel für das Leben in der Gegenwart Gottes. Aber das soll jetzt etwas ausführlicher erklärt werden.
Es ist wichtig, die unterschiedlichen Weisen des Sprechens Gottes vor Augen zu haben. Zunächst „spricht" Gott zu jedem Menschen ständig durch die natürliche Offenbarung: Gottes Schöpfung! Gott erhält die gesamte Schöpfung im Dasein, das Universum, die Pflanzen, die Tiere, die Menschen, Dich und mich! Jeden Einzelnen! Und dieses Erhalten im Dasein ist ganz konkret zu nehmen: Entzöge Gott Seiner Schöpfung Seinen erhaltenden Willen, würden wir alle und das ganze Universum ins Nichts zurück versinken! Umgekehrt aber: Da Gott ständig in uns wirkt, ist dies ein ganz reales „Sprechen" Gottes in uns und zu uns. Es ist kein Sprechen in akustischen Worten, aber eine ständige lebendige reale Beziehung von Du (Gott) zu Du (Mensch). Ist der Mensch sich dieser Realität bewusst, wird es ihn drängen, ebenfalls von Du (Mensch) zu Du (Gott) zu leben und dieser Beziehung auch immer wieder in Worten, Stoßgebeten, Gedanken, Seufzern, Lob und Dank etc. Ausdruck zu verleihen. Andersherum: Wer mit liebenden und unvoreingenommenen Augen die Schöpfung betrachtet, wird immer wieder in Entzücken, Staunen und in Liebe zu Gott das Herz erheben.
Noch etwas ganz Wichtiges gehört zum ständigen Reden Gottes, und zwar immer noch auf der natürlichen Ebene: Das Gewissen: Zu jedem einzelnen Menschen hat sich der Schöpfer eine Verbindung bewahrt. Jeder Mensch hat ein Gewissen. Durch diese innere Stimme Gottes sorgt Gott dafür, dass der Mensch die 10 Gebote Gottes erkennen kann, und, wenn der Mensch um den Beistand Gottes bittet, auch halten kann. Den Inhalt der 10 Gebote hat Gott in eines jeden Menschen Herz geschrieben. Sie sind beileibe nicht nur für die Christen da. Sie sind eingemeißelt in die „Herzenstafeln" und gelten für jeden Menschen.
Bis jetzt habe ich auf die gewöhnliche Art hingewiesen, in der Gott zu jedem Menschen spricht. Man nennt dies die natürliche Offenbarung Gottes. Tiefe Worte darüber kann man im Römerbrief beim Hl. Paulus nachlesen. (Röm 1, 18 - 32)
Aber es gibt noch ein viel schöneres und unübertroffenes Sprechen Gottes.
Es ist die übernatürliche Offenbarung Gottes durch die Hl. Schrift und das Lehramt der Katholischen Kirche. Und dann vor allem die wunderbare Sprache Gottes durch die Sakramente. Und unter diesen ist das allerschönste Sakrament die Hl. Messe! In der Hl. Kommunion hat der Mensch die Gelegenheit, sich auf eine Weise mit Gott zu vereinigen, wie es unter Menschen schlechthin unmöglich ist. Hier werden das Sprechen Gottes zur Seele und die Antwort der Seele an Gott zum tiefsten Liebesaustausch, der zwischen Gott und dem Menschen überhaupt möglich ist. In einem alten schlesischen Sakramentslied kommt dieser Liebesaustausch ergreifend zum Ausdruck:
Liebe, hier sind deine Höhen, hier ist deine höchste Glut;
Hier lern ich dich ganz verstehen, Jesus, ewig höchstes Gut.
Möge jedes Herz dir schlagen, möge jeder Puls dir sagen:
Sei gelobet ohne End im hochheil’gen Sakrament.
Wer kann diese Tiefen sehen, fühlen diese Allgewalt,
ohne liebend zu vergehen? Und wir sind so hart, so kalt!
Ach, verzeihe, lass durch Tränen, Herz des Heilands, dich versöhnen.
Lieben wollen wir ohne End das hochheil’ge Sakrament.
Fassen wir zusammen: „Rede, Herr, dein Diener hört!" Und die Antwort Gottes ist: „Ich rede ständig zu dir auf vielfältige Weise durch die Schöpfung, durch das Gewissen, durch die Hl. Schrift, durch die Kath. Kirche, durch die Sakramente. Am intensivsten rede ich zu dir in der Hl. Messe und in der Hl. Kommunion! Du musst nur hören lernen, o Seele, und lernen immer zu antworten!"
Die Aufgabe besteht darin, unsere inneren Sinne sensibel zu machen und unterscheiden zu lernen, ob und wie Gott zu uns spricht und im Zweifelsfall immer die Kirche fragen und sich ihrem Urteil unterwerfen.
Und wie soll unsere Antwort auf die ständige, aber unterschiedliche Weise Gottes, zu uns zu sprechen, sein?
Die Antwort ist ganz einfach. Der Apostel sagt es uns: „Mit allerlei Bitten und Gebeten flehet allezeit im Geiste!" (Eph 6, 18) oder
„Freuet euch allezeit! Betet ohne Unterlass! Sagt Dank bei allem! (1 Thess 5, 17)
Natürlich wird unser Beten ebenfalls auf unterschiedliche Weise stattfinden, so wie auch Gott zu uns auf verschiedene Weise redet. Wir können nicht den ganzen Tag über von morgens bis abends Gebete sprechen oder gar gemeinsam beten. Es gibt aber sinnvolle Zeiten am Tag, wo dies geschehen kann und sollte. Dies sind dann die sogenannten „täglichen Gebete". Aber dieses „Beten ohne Unterlass!" des Hl. Paulus muss noch etwas anderes bedeuten: Es ist das Atmen der Seele in Gott, weil Gott ja unaufhaltsam in uns wirkt, andernfalls versänken wir ins Nichts. Es ist das ständige Wissen, dass ohne Gott nichts, rein gar nichts geht! Dass aber mit Gott alles, was gut ist, gehen kann! Und dieses Wissen muss immer in uns lebendig sein. Und aus diesem Wissen heraus erheben wir ständig unser Herz zu Gott, ohne immer sofort Worte zu formulieren. Die Worte werden oft von alleine über unsere Lippen kommen, vor allem, wenn wir allein sind, oder wenn wir nachts aufwachen, oder wenn wir uns sehr freuen oder wenn wir plötzlich in großer Not sind.
Aber unausgesprochen werden diese „Worte" immer da sein und unser ganzes Tun durchwalten. Unsere täglichen Arbeiten gehen dann übrigens besser von der Hand und gedeihen gut, weil wir in dauerndem Frieden mit Gott und in ständiger Verbindung mit unserem Schöpfer leben!
Ich sagte anfangs, dass dieses „Rede, Herr, dein Diener hört!" – und ich füge hinzu: „Herr, dein Diener antwortet!" – dass dies der Schlüssel zum Leben in der Gegenwart Gottes ist. Und dies ist aufregend schön! Es ist auch der Schlüssel zum Opfer, zum Ertragen von Leiden, ja zum Martyrium aus Liebe zu Gott und den Seelen, ja letztlich der Schlüssel zur ewigen Seligkeit! Wenn die Menschen im oben beschriebenen umfassendsten Sinn des Wortes mit Gott sprechen lernen würden, kurz:
Wenn sie beten könnten; wenn sie erfahren würden, wie wunderbar das Leben in der Gegenwart Gottes ist, dann würden Sekten, religiöse Sensationen, Wunderheiler und Schwärmer und Pseudopropheten keine Chance mehr haben. Denn das wahre Leben in Gott, vor allem das Leben mit dem eucharistischen Herrn, stellt alle Ersatzlösungen in den Schatten und macht sie überflüssig! Trachten wir also nach diesem Leben in Christus durch Seine Hl. Mutter Maria, die uns helfen wird, in der Gegenwart des Herrn zu leben!
Noch zwei Schriftstellen zur ergänzenden Betrachtung:
„Wer nicht kennt das Walten der Mutter in ihrer Leibesfrucht, der kennt nicht das Walten Gottes in uns, der alles bewirkt." (Kohelet, 11, 5) und der wunderbare Psalm 139 (138) „Herr, du erforschest mich und du kennst mich, du kennst mein Ruhen und mein Aufstehen!"
Für den Rest der Fastenzeit wünsche ich Ihnen allen Gottes Segen und danach ein jubelndes Osterfest!
Andreas Hönisch SJM