Vom Wachstum einer kleinen Pflanze

von P. Paul Schindele, SJM, in "Der Ruf des Königs", Nr. 2, 2.Quartal 2002

 

Ein Blick auf die Entwicklung der Diener Jesu und Mariens (SJM)

 

Wenn in diesen Tagen ein unbedarfter Besucher in Kontakt mit der Kongregation der Diener Jesu und Mariens kommt, wenn er eines unserer Häuser oder Werke besucht und allmählich einiges über unsere augenblicklichen Arbeiten erfährt, wird er erstaunt sein, wenn er hört, daß unsere Gemeinschaft erst auf eine knapp 14jährige Vergangenheit zurückblicken kann. Nun, die überdurchschnittlich vielen jungen Menschen, die er in klerikaler Kleidung antreffen wird, werden ihm den Schluß vielleicht nahe legen, daß es sich um eine relativ junge Gemeinschaft handeln muß, in den Orden und Gemeinschaften mit einer langen Vergangenheit findet man heute nur noch selten einen Altersdurchschnitt von 30 bis 40 Jahren. Und wenn er erst einmal etwas Einblick in das innere Leben bei uns erhält, in die oft jugendlich frische und unbedarfte Vorgehensweise, wird er tatsächlich erkennen, daß die SJM noch nicht so alt sein kann, daß sich ihr Leben in altbewährten und ausgefahrenen Gleisen bewegen würde. Dennoch kann sich jemand, der nicht von Anfang an dabei gewesen ist, nur sehr schwer vorstellen, in welche einfachen und unsicheren Verhältnissen die Gemeinschaft aus der Taufe gehoben worden ist. Natürlich halten wir nach wie vor einen Vergleich mit einer etablierten Ordensgemeinschaft nicht aus, aber das Pflänzchen hat sich trotzdem in den vergangenen 14 Jahren nicht schlecht entwickelt.

Damit jeder sich von unserer augenblicklichen Ausdehnung und Arbeit ein Bild machen kann, sollen hier zuerst unsere Werke aufgezählt werden. Da es nur um einen Überblick gehen soll, die einzelnen Werke wurden in anderen Artikeln bereits erwähnt, oder sie werden noch eigenständig vorgestellt, genügt eine kurze Aufzählung: Der Mittelpunkt unserer Kongregation ist der Auhof in Blindenmarkt/Österreich. Er ist das Mutterhaus, hier befinden sich das Noviziat und das Scholastikat (Studium). Während die Ausbildung in der Ordensspiritualität im Noviziat durch unsere eigenen Priester, vor allem durch Pater Hönisch selbst und durch unseren Spiritual Dompfarrer Becker aus Mainz, betreut wird, wird der Studiumsbetrieb im Auhof von uns zwar organisiert, die meisten Dozenten kommen aber von auswärts.

Natürlich sollen im Laufe der Zeit auch eigene Patres die Vorlesungen übernehmen, aber dazu sind zuerst weiterführende Studien notwendig, die zum Teil bereits belegt werden. Außerdem befindet sich im Auhof auch noch unser Sekretariat. Alles in allem wohnen durchschnittlich 20 bis 25 Personen hier, von denen vier bis fünf Priester sind.

Ebenfalls in Blindenmarkt wird die Pfarrgemeinde von einem unserer Priester als Pfarrer betreut. (Hinzugekommen ist zwischenzeitlich eine weitere Pfarrei in Petzenkirchen, Diözese St. Pölten). Neben dieser ortsgebundenen priesterlichen Tätigkeit arbeiten einige Priester an überregionalen Aufgaben, wie z. B. in Exerzitien, Einkehrtagen, Gebetsnächten, im Kampf für den Schutz des ungeborenen Lebens, im Verlagswesen und in der Familienkatechese. Zu diesen überregionalen Tätigkeiten gehört natürlich auch die Arbeit in der Katholischen Pfadfinderschaft Europas. Wie ich weiter unten noch schildern will, war die KPE ein ganz wichtiges Anliegen bei der Gründung der SJM gewesen. Von daher ist es nicht verwunderlich, daß fast alle unserer Patres nebenamtlich Pfadfindergruppen seelsorglich betreuen und daß ein großer Teil unserer Studenten Pfadfindergruppen selbst führen.

Als letztes besonderes Werk in Deutschland bleibt das Jungeninternat in Haus Assen in Westfalen zu nennen. Zwei Patres leiten es. Im Augenblick gehen die Jungen noch in umliegende Schulen, langfristig ist an die Gründung einer eigenen Schule gedacht, um vielen Eltern, die mit dem schulischen Umfeld ihrer Kinder nicht zufrieden sind, eine lohnende Alternative anbieten zu können.

Auch bei den Missionsprojekten soll eine bloße Aufzählung genügen: In Kasachstan sind bereits zwei Patres unserer Gemeinschaft aktiv, in Albanien und in Rumänien steht der dauerhafte Einsatz verschiedener Patres kurz bevor (vgl. eigene Artikel). In der Ukraine wird der Aufbau von Pfadfindergruppen in regelmäßigen Abständen durch Lager und Schulungen unterstützt.

Alles in allem gehören zu unserer Gemeinschaft momentan ca. 40 Mitglieder, von denen knapp die Hälfte Priester sind (die meisten davon sind aus der Gemeinschaft selbst hervorgegangen). Der Gemeinschaft gehören ebenfalls mehrere Häuser, jede Menge, zumeist alter, Autos – alle müssen betrieben und unterhalten werden. Verschiedene karitative und missionarische Projekte werden unterstützt (allen voran Kasachstan, aber auch Bosnien, Ukraine, Albanien, Rumänien). Keine Angst, dies ist jetzt kein verkappter Spendenaufruf, aber für einige weiter unten kommende Überlegungen ist ein Überblick gerade auch über diese finanziellen Ausmaße sehr hilfreich.

Nach dieser kurzen Standortbestimmung nun ein Blick zurück: Ende Mai 1988 begannen drei Pfadfinderführer aus der KPE ihre Kandidaturszeit für die neu zu gründende Gemeinschaft der Diener Jesu und Mariens. Im Oktober des gleichen Jahres kamen vier weitere hinzu, so daß die Anzahl der Gründungsmitglieder auf sieben angewachsen war. Von diesen verließen zwei im Laufe der Ausbildungszeit wieder die Gemeinschaft, die anderen fünf sind heute Priester in der SJM. Hinzu kommt natürlich noch Pater Hönisch, an den sich die jungen Leute damals gewandt hatten, um einen erfahrenen Priester für die Gründung zu haben. Was waren die Gründe dafür gewesen, um eine neue Gemeinschaft von Ordensleuten ins Leben zu rufen?

Es ist hier wichtig zu bemerken, daß alle sieben aus der ersten Stunde aktive Mitglieder in der KPE waren. Sie bemühten sich, ein normales katholisches Leben zu führen und hatten in der KPE vor allem eine religiöse Heimat gefunden. Daß diese Heimat durch einen erfahrenen Jesuiten als Bundeskuraten, nämlich P. Hönisch, geprägt war, sollte sich in der späteren Wahl der Ordensspiritualität noch auswirken. Außerdem waren alle sieben begeisterte Pfadfinder, die aktiv in der Jugendarbeit tätig waren.

Zum Teil unabhängig voneinander machten sie sich auf die Suche nach einer Gemeinschaft, in der sie der göttlichen Berufung zum Ordenspriester Folge leisten konnten. Dies sollte eine Gemeinschaft sein, in der man eine solide katholische Ausbildung erhalten würde, was keineswegs mehr eine Selbstverständlichkeit ist. Außerdem war man natürlich auf der Suche nach einer Gemeinschaft, die sich noch streng an die Vorgaben ihres Gründers hielt und diese nicht durch viele Zugeständnisse aufgeweicht hatte. Man stellte sich also durchaus eine anspruchsvolle und eher strenge Gemeinschaft vor. Zu diesen Vorstellungen kam aber jetzt noch die Eigenart der Pfadfinderbewegung hinzu. Die zu suchende Gemeinschaft sollte nämlich ausdrücklich die Möglichkeit der Arbeit unter der Jugend, vor allem in der Pfadfinderei und speziell in der KPE, bieten. Also nicht in der Weise, wie ein Pfarrer vielleicht auch eine Pfadfindergruppe vor Ort mitbetreuen kann, sondern diese Art der Jugendarbeit sollte ausdrücklich, wenn natürlich auch nicht ausschließlich, Aufgabe dieser Gemeinschaft sein.

Aus der KPE waren bereits zahlreiche Priesterberufungen hervorgegangen, die natürlich nicht allein der KPE zu verdanken waren, die sich aber in ihr entwickeln konnten. Der normale Weg war bisher aber gewesen, daß diese jungen Männer in einen Orden oder in ein Seminar ihrer Wahl eingetreten sind und nach ihrer Priesterweihe von der Diözese oder dem Orden irgendwo eingesetzt wurden. Damit waren sie, wenn man so will, in den meisten Fällen für die KPE selbst verloren, auch wenn sie natürlich an ihrem speziellen Platz gute Arbeit leisteten. So war es für die meisten Pfadfindergruppen auch nach 15 Jahren KPE noch das Normale, ohne festen Kuraten auf Sommerlager fahren zu müssen. Wenn man Glück hatte, konnte einmal ein Priester vorbeischauen, aber sonst mußte man sich jeweils vor Ort selbst helfen. Das sollte anders werden und, um es vorwegzunehmen, ist auch radikal anders geworden. Kaum eine KPE-Gruppe fährt momentan noch im Sommer oder im Winter auf ein längeres Lager, ohne daß wenigstens eine längere Zeit auch ein Priester mit dabei ist. Meistens kann dies nun sogar ein SJMler sein, der, was natürlich von Vorteil ist, die Pfadfindermethode selbst jahrelang erlernt und praktiziert hat. Doch zurück zum Thema: Es war natürlich klar, daß die Suche nach einer solchen Wunschgemeinschaft ziemlich schwierig war und so konkretisierte sich im gegenseitigen Austausch immer mehr die Idee, ob man nicht etwas Eigenes auf die Beine stellen solle.

Selbstverständlich begleitete jeder einzelne seine Suche und seine Überlegungen mit Gebet, und zweifellos müssen auch viele andere Menschen gebetet haben. Auch war die gelebte Weihe an das Göttliche Herz Jesu und an das Unbefleckte Herz Mariens, die in der KPE regelmäßig erneuert wurden, für die ersten sieben eine Selbstverständlichkeit. Somit war eine gute Grundlage bereitet, auf der die göttliche Vorsehung wirken konnte, ohne daß es dem einzelnen besonders bewußt war. Denn, um bei der Wahrheit zu bleiben, muß man ehrlich sagen, daß sich keiner wirklich im klaren war, was eine Gründung tatsächlich bedeuten würde und auf welche Konsequenzen man sich einstellen mußte. Lediglich P. Hönisch mag dies geahnt haben, wahrscheinlich machte er auch aus diesem Grund in den Anfängen der SJM mehrere Versuche, die „ordenswütigen“ Pfadfinder bei anderen guten Gemeinschaften unterzubringen. Einmal wurde zu diesem Zweck sogar ein Vertreter einer anderen aufblühenden Gemeinschaft samt Anschauungsmaterial eingeladen. Alleine diese sieben wollten nicht . . .

Es würde zu weit führen, wenn in diesem Artikel im Detail auf die Anfangszeit eingegangen werden würde. Einige wenige Bemerkungen mögen genügen. Die ersten Jahre lebte die junge Gemeinschaft in großer Einfachheit. Nicht, daß diese Einfachheit heute verlorengegangen wäre, das einzelne Mitglied legt weiterhin das Gelübde der Armut ab und spürt dieses Nichts-Besitzen auch immer wieder handgreiflich am eigenen Leib. Aber die Gemeinschaft als Ganzes verfügt über mehr Möglichkeiten, als dies in den Anfangsjahren der Fall gewesen ist. Ein ehemaliges Kapuzinerkloster in Mussenhausen im Allgäu diente als Unterkunft. Eigentlich war es längst renovierungsbedürftig, und so wurde es mit eigener Arbeit ständig halbwegs in Schuß gehalten. Natürlich war man auch räumlich recht beengt, Mehrbettzimmer mit zwei bis sechs Personen waren die Folgen. Wenn wir heute im Auhof eine Ordensprimiz feiern, so stehen uns ein großes Haus, eine wirklich große Küche und einige Speiseräume und jede Menge an Schlafquartieren und Toiletten zur Verfügung. Die ersten Primizen in Mussenhausen mußten sich bei immerhin 400–500 Besuchern mit einem kleinen Kloster, das für fünf bis sechs Patres gedacht war, zufriedengeben. Gekocht und aufgetischt (durch die Ordensleute!) wurde in einer engen Küche, gegessen in einem Bierzelt im Klostergarten, und als sanitäre Anlagen mußte man sich mit dem begnügen, was so ein kleines Kloster eben bietet. Dafür war die Kirche in Mussenhausen groß genug und außerdem ein echtes Schmuckstück.

Bereits in den Anfängen der SJM vertrauten wir unsere materiellen Bedürfnisse vor allem der Fürsorge des hl. Josef an. Auch bei diesem haben wir sehr bescheiden begonnen. Aber wir sind niemals enttäuscht worden. Über all die Jahre hinweg waren stets genügend Mittel für alles Notwendige vorhanden, ohne daß wir jedoch einmal in die Verlegenheit gekommen wären, vor lauter Reichtum nicht mehr ein noch aus zu wissen. Wir sind mit einer Grundregel von P. Hönisch sehr gut gefahren: „Keine Schulden machen, arbeiten wie ein Pferd (für das Reich Gottes und auch nicht scheuen, sich selbst die Hände schmutzig zu machen), den Rest erledigt der Himmel.“ Schon alleine dieser Aspekt unserer Geschichte ist ein deutlicher Beweis der göttlichen Vorsehung, die spürbar mit die Hand im Spiel hatte und hat. Dennoch ist es weiterhin so, daß das Budget zwar für die regelmäßigen Ausgaben ausreicht, neue Projekte jedoch immer auch von zusätzlichen Unterstützungen abhängig sind. So haben wir es uns angewöhnt, auch das Vorhandensein des notwendigen Kleingeldes als himmlisches Zeichen für den Beginn eines neuen Projektes zu werten.

Natürlich fragt man sich mit der Zeit auch einmal, ob denn der eingeschlagene Weg der richtige war und ob es nicht Vermessenheit ist, seinen Weg als von der göttlichen Vorsehung gewollt zu betrachten. Aber diese Zweifel verstummten leicht angesichts der geistlichen Not ringsherum, die dringend nach eifrigen und wirklich katholischen Seelsorgern ruft. Nun muß man sich natürlich hüten, irgendwelche Erfolgszahlen als Maßstab zu nehmen, aber die Tatsache, daß inzwischen fast jedes Jahr zwei bis drei Priester bei uns geweiht werden, die sich alle vor Arbeit kaum retten können, ist schon als ein Zeichen göttlichen Segens zu betrachten. Obwohl wir uns auch im klaren sein müssen, daß Leid und Prüfungen, verbunden mit Zeiten der Dürre, durchweg auch zum göttlichen Erziehungsrepertoire gehören.

Die entscheidende Bestätigung, daß das ganze Werk von Gott gewollt war, mußte die offizielle Stellungnahme der Kirche, speziell Roms, sein. Natürlich konnten Schwierigkeiten und Anfeindungen, gerade auch in der Öffentlichkeit, nicht ausbleiben. Allgemeine Zustimmung ist selten ein Zeichen für die Güte eines neuen Aufbruchs. Aber wer konnte ahnen, daß bereits wenige Jahre nach der Gründung der Gemeinschaft Rom ganz offiziell, vertreten durch die Kommission Ecclesia Dei, begleitend zur Seite stehen werde und schließlich hochoffiziell und feierlich die SJM im Sommer 1994 als Kongregation päpstlichen Rechtes errichtete mit inzwischen dauerhaft anerkannten Konstitutionen.

So dürfen wir heute nach 14 Jahren dankbar auf eine Entwicklung zurückblicken, in der die Hand Gottes spürbar gewirkt hat. Natürlich kam vieles ganz anders, als wir es uns am Anfang gedacht hatten. Es gab Schwierigkeiten, mit denen man nicht gerechnet hatte, und auch vor Enttäuschungen blieben wir nicht verschont. Aber es hat sich gelohnt.

Wir müssen aber daran denken, daß die eigentliche Gründungsphase zwar vorbei sein mag, der Aufbau der Gemeinschaft dagegen noch lange nicht abgeschlossen ist. Dies muß allen Mitgliedern klar sein, und auch jeder Neueintretende soll unbedingt mit dem Bewußtsein kommen, daß er bei uns noch wirkliche Pionierarbeit leisten muß, die nur mit vollem Einsatz und begeisterten Herzen erbracht werden kann.

Dies mag für den heutigen Artikel genügen. In der nächsten Nummer des „Rufs“ soll dann eine Auflistung der Charakteristika der Diener Jesu und Mariens folgen.