Servi Jesu et Mariae
Diener Jesu und Mariens
Kongregation päpstlichen Rechtes
deum Invenire in omnibus

Jacques SevinD. G. Jacques Sevin S. J. (1882-1951)

Gründer des katholischen Pfadfindertums

Durch den Wald schleicht gebückt ein Mann. Sein Anzug ist ungewöhnlich. Er trägt eine Kakisoutane, an der sich auf Höhe der Brust wie bei einem Pfadfinderhemd zwei Taschen befinden. Das Pfadfinderhalstuch wird zum Teil von seinem Bart verdeckt. Spitzbübisch freut er sich, als es ihm gelingt, seine Pfadfinder in der Verfolgungsjagd abzuhängen.

Pater Jakob Sevin, oder wie ihn seine Franzosen nennen, Père Sevin, steht am Anfang der katholischen Pfadfinderbewegung. Seine Schriften, Gedichte, Lieder und Bilder prägten und prägen den katholischen Geist aller Scouts. Bewusst oder unbewusst schöpft jeder katholische Pfadfinderführer aus der Quelle seiner Gedanken und Methoden.

Lassen wir Père Sevin selbst über seine Jugend berichten:

„Ich bin am 7. Dezember 1882 in Lille im Haus meiner Großeltern mütterlicherseits geboren. Am folgenden Tag, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis, wurde ich in der Pfarrkirche getauft. Meine ersten Lebensjahre verbrachte ich in Tourcoing und Dunkerque. Ich erinnere mich noch, wie ich als fünfjähriger Bub den ungeheueren Strand in Dunkerque und die Votivtafeln der aus Seenot geretteten Matrosen in der Marienkirche bewunderte. Mit zehn Jahren schickte mich mein Vater als Internatsschüler nach Amiens in das Jesuitenkolleg der ‚Vorsehung’. Meinem dortigen Lehrer Pater Duvocelle verdanke ich meine Begeisterung für die Marine und das Rittertum. Die Klasse war in zwei Lager geteilt, in zwei Fregatten: die ‚Muntere’ und die ‚Fröhliche’; und von den Wänden leuchteten die Waffen eines Ritterordens, in dem man nacheinander Ritter, Baron, Graf, Marquis oder Herzog und schließlich Großmeister des Ordens werden konnte! Bald schon träumte ich davon, eine heroische und starke Seele zu sein, die sich zu großen Taten aufschwingt. Am 30. Juni 1895, ich war damals 13 Jahre alt, wurde mein Traum zur Gewissheit. Bei einem Kollegsausflug mit einem Kameraden erkannte ich meine Berufung zum Priester- und Ordensstand. Zwei Jahre später nahm mein Seelenleben eine entscheidende Wendung während der Exerzitien, die uns Pater Damman hielt. Diese Gnade wurde mir am 15. Oktober gegeben, am Fest der hl. Theresia v. Avila und genau zwei Wochen nach dem Tod der kleinen Heiligen von Lisieux.

Im Juli 1898 bestand ich den ersten Teil meines Schulabschlusses. Schwere Kopfschmerzen zwangen mich im kommenden Februar, die Schule zu verlassen. Mein Vater sandte mich nach England, damit ich mich in London erholen konnte. Wieder bei Gesundheit, besuchte ich im Herbst die Schule in Lille.

Schon bei den Exerzitien 1898 hatte ich mich für den Jesuitenorden entschlossen. Aber obwohl sich im Mai 1900 bei den Exerzitien dieser Entschluss bestätigte, wollte ich zuerst noch ein englisches Sprachstudium belegen. Da sagte mir Pater Bastien, Beichtvater meines Vaters und Superior des Exerzitienhauses von Mouvaux am 1. August: ‚Was machst Du? meine Englischlizenz. Die brauchst Du nicht, um ins Noviziat einzutreten. Frage Deinen Vater sofort um die Erlaubnis, abreisen zu dürfen.’ So geschah es. Im Zug traf ich einen Schulkameraden. ‚Du fährst nach Amiens? Du kannst es ruhig zugeben, ich trete auch ein’, war unsere Begrüßung. Am 3. September kamen wir an. Meine Eltern schickten mir auf meine Bitte hin schriftlich die Erlaubnis, sofort mein Noviziat beginnen zu dürfen, ohne mich noch einmal zu Hause zu verabschieden. Mein Vater schrieb mir folgenden Brief:Wintertour

„Mein lieber Jacques,

es ist gut, dass du dich auf uns verlassen hast. Gott soll mit uns machen, was Er für gut hält. Wir hüten uns davor, etwas anderes von dir zu wollen, als Er möchte. Er will dich in der Gesellschaft Jesu. Bleib also, mein liebes Kind, für dein Seelenheil, zu deinem Glück, zu unserer Ehre und zu unserem Trost. Jede Trennung ist ein Opfer für die Natur, aber in Wirklichkeit nur für die Natur, die sich von Gott getrennt hat.

Wir beten viel für dich, du kannst dich darauf verlassen. Unter dem Ordensgewand trägt man auch das Kreuz. Du betrittst den königlichen Pfad des Kreuzes, aber „achte nicht darauf, auf welchem Weg du gehst, sondern wo du hingelangst", sagt der hl. Augustinus, und dieser Gedanke versüße und erleichtere dir immer die Mühen, die dir auf deinem Weg begegnen werden. Hundertmal süßer und leichter als das Glück, das du auf den Wegen finden könntest, die du verlassen hast.

Du hast den besseren Teil erwählt, den ehrenvolleren und schöneren. Du weißt, dass ich jeden Tag einige Psalmverse lese. Gestern habe ich bei folgendem ein wenig innegehalten: „Ich werde ihn zum Erstgeborenen machen, hoch erhaben über alle Könige der Erde."

Halte dir diese Würde des Ordensmannes und Priesters, die alle Würden dieser Erde überragt, stets vor Augen.

Dein Vater Adolph Maria Sevin"

Ich durfte die Soutane anziehen und wurde Novize genau am Fest Unserer lieben Frau von den Sieben Schmerzen, am 15. September 1900. Meine ewigen Gelübde legte ich am 5. September 1902 ab, am ersten Freitag des Monats. Damit begann die Zeit meines Studiums."

Während seiner Ausbildung im Orden widmete er sich, so oft er dafür Zeit fand, mit vollem Einsatz auch der Verbesserung seiner natürlichen Fähigkeiten. Er schrieb Gedichte und Lieder, zeichnete und sang mit viel Erfolg. Alle diese Talente sollten ihm später bei der Erziehung der Pfadfinder sehr nützlich sein. In der Zeit seines Theologiestudiums (1911 – 1915) gab er außerdem eine Broschüre über das Leben der hl. Theresia v. Kinde Jesu heraus, mit der Absicht, ihre Heiligsprechung zu beschleunigen.

Das Jahr 1914, überschattet vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs, sollte sein Gnadenjahr werden. An Mariä Verkündigung wurde er Subdiakon, am 3. Mai Diakon, und am 2. August empfing er im belgischen Enghien die Priesterweihe.

Bevor wir uns nun dem Pfadfinderleben Père Sevins zuwenden, wollen wir noch ganz kurz das Fundament und die Quelle all seines Schaffens betrachten. Oft hat er vor den Pfadfinder bezeugt: „Ich habe eine zweifache Liebe: Jesus und Maria!" Wie sehr er sie liebte, beweisen die zwei folgenden Texte aus seiner Feder:

Weihe ans Heiligste Herz JesuKlettersteig im Sommer

„Oh Jesus, verwirf nicht all dieses Elend, das sich in Dein Herz flieht! Rette mich vor mir selbst und wirke das Wunder, dass ich noch vor dem Sterben ganz Dein eigen werde! Da ich mich Dir so oft geweiht habe, gib, dass mich nichts von Deiner Liebe losreißt, nichts mich von Dir trennt oder diese Hingabe entweiht. Behüte wie Dein Eigentum meine Seele, meinen Körper, meinen Geist, meine Phantasie, mein Herz und meine Sinne. Nichts soll in mir sein, das nicht Dir gehört, Dir allein; und nimm mich ganz in Deine unendliche Barmherzigkeit auf.

Ich weihe Dir alles, was ich bin, alles, was ich habe, alles, was ich in dieser Welt mache und noch machen werde, alle Seelen, die Du mir anvertraut hast. Bewahre alle diese Seelen in Deiner Liebe, dass wenigstens sie so heilig werden, wie Du es wünschst ... Oh Jesus, vielgeliebter Jesus, weil ich ganz Dein sein will, nimm mich und mache mich um jeden Preis heilig, selbst gegen mich selbst. Für mein Elend ist dies unmöglich, für Deine Barmherzigkeit ist es ein Kinderspiel. Wenn ich auch gerechterweise an mir selbst verzweifelte, erbitte ich mir trotzdem diese Gnade mit dem hartnäckigsten Vertrauen, weil ich weiß, dass ich niemals zuviel auf Deine Macht und Güte hoffen kann. Herz Jesu, von ganzem Herzen und mit meinem ganzen Willen vertraue ich Dir!"

Unsere Königin!

„Nie wird Gott ein schöneres Meisterwerk schaffen als das jungfräuliche Herz, worin die Liebe keimte. Und es geschah in Dir, strahlend und glänzend, dass Fleisch wurde unser Ideal, von uns so geliebt. Wohlan, wir, die wir unsere Seele hell bewahren wollen in ihrer männlichen Kraft und ihrer Unversehrtheit, wir gehen zu Dir, zum heiligen Lichtstrahl, der Deine Jungfräulichkeit auf unsere Stirn zeichnet. Wir beginnen die himmlische Reise zu Dir, unserem Ideal, dessen Liebe uns führt. Eifrig bemüht, uns ihm jeden Tag mehr zu nähern, heute mehr als gestern, morgen mehr als heute. Ja, das Ideal bist Du! Du bist es, die reine Jungfrau, du, die Mutter Christi und unser aller Mutter! Du bist der Gipfelpunkt der Geschöpfe, vor Deiner Schönheit fallen wir auf die Knie! Und jetzt, bevor wir diese Arena verlassen, wo wir unter Deinen Augen stritten, sei es uns erlaubt, dich zu grüßen, Königin, Königin des Ideals, das uns erschienen ist. Seine göttliche Helle strahlt auf Deiner Stirn; Du bist es, die aufstrahlt über unserer Armseligkeit, Du bist es, die ein Jahrhundert nach dem anderen selig preist."

Die Gründung des katholischen PfadfindertumsHl. Messe im Lager

1907 gründete Baden Powell in England die Pfadfinderbewegung. Der Erfolg übertraf alle Erwartungen: Überall auf der Welt, nicht nur in England, wurden ungezählte Pfadfindergruppen gegründet.

Frater Sevin führte zur selben Zeit als Ordensstudent ebenfalls Jungenlager durch. Er fasste den Entschluss, die katholischen Pfadfinder in Frankreich zu gründen. Bevor er die Gründung begann, setzte er sich in der Freizeit während seines Theologiestudiums hin, um die Schriften Baden Powells eingehend zu studieren und seine Methode dem katholischen Geist anzupassen. Gleich im Sommer 1917 begann er heimlich seine ersten praktischen Pfadfinderversuche mit einigen Schülern der „Apostolischen Schule" von Amiens, die wegen des Krieges nach Tuquet geflohen waren. Schließlich gelang es ihm am 13. Februar 1918 in Mouscron seinen ersten Trupp zu gründen –heimlich und ohne Kluft. Er und seine Buben riskierten, nach Deutschland deportiert zu werden, falls die Besatzungsmacht auf sie aufmerksam geworden wäre. Aber es gab keinen Zwischenfall.

Nach dem Krieg ging es Schlag auf Schlag. Père Sevin folgte seinem Vorsatz, „das Pfadfindertum in das Leben der Kirche einzubinden und dieses Mittel zu benützen, um Gott und dem Nächsten besser zu dienen". In Lille rief er noch 1918 die ersten Trupps der „Scouts de France" ins Leben. Nach einigen Vorarbeiten gründete er mit General de Maud'huy, dem ersten Bundesfeldmeister für die Pfadfinderstufe, am 12. September 1920 offiziell die „Scouts de France". Père Sevin übernahm selbst das Amt des Bundesfeldmeisters, während Abbé Cornette Bundeskurat wurde.

An Allerheiligen rief er alle Führer nach Chamarande zum ersten gemeinsamen Treffen, und an Ostern des folgenden Jahres begannen die Schulungskurse. Zehn Jahre war Père Sevin die Seele der Führerformation. Nachdem er 1924 das Amt des Bundesfeldmeisters niedergelegt hatte und in Rom das katholische Pfadfindertum gegen das Misstrauen kirchlicher Stellen verteidigt hatte, blieb er als „Bundesfeldmeister für die Führerausbildung" in Chamarande.

Die Atmosphäre seiner Kurslager prägte und begeisterte alle, die daran teilnahmen. Das tiefste Geheimnis seines Erfolgs war das kleine rote Licht, das ununterbrochen vor dem Tabernakel im Zentrum von Chamarande die Pfadfinder zur Anbetung einlud. Der Kardinal Philippe schrieb über Père Sevin: „In Chamarande eroberte mich le Père. Es war nicht nur sein lebendiges Beispiel als Chef und Priester. Er war wirklich der Meister im Vermitteln des katholischen Pfadfindertums ... Die Disziplin des Lagers war hart, aber niemand beklagte sich, weil wir alle von der außergewöhnlichen Persönlichkeit des Père mitgerissen waren: Sowohl als Erzieher, der von den genialen Methoden Baden Powells geprägt war, als auch als Priester, der er immer blieb. Er hatte viel Humor, aber niemand erlaubte es sich, mit ihm zu familiär zu werden. Er übte einen tiefen Einfluss auf zahlreiche Führergenerationen aus, und über sie auf die Pfadfinder."

Bei allen seinen Aktivitäten vergaß er nie, wo die Kraft des Christen liegt. Den Führern prägte er seinen Grundsatz ein: „Jede Aktivität, was auch immer es sei, bereite man im Gebet vor!"

Die Grundlage seiner Erziehung war sehr einfach. Vier Eckpfeiler mussten die Arbeiten prägen: Liebe, Freude, günstiges Vorurteil und Vertrauen. Ohne Liebe hielt er jede Erziehung für unmöglich: „Liebe den Jungen, wie Gott ihn liebt." Die Freude sollte ansteckend, mitreißend und erwärmend sein. Er riet allen, keinem Pfadfinder von vornherein zu misstrauen und „auch in den schlimmsten Kerlen wenigstens ein wenig Gutes zu erwarten". Sevin fügte hinzu: „Und vergesst nie den Hl. Geist, der im Herzen eines jeden Menschen wirkt." Um die Pfadfinder schließlich zu verantwortungsvollen Persönlichkeiten zu erziehen, musste ihnen ein großes Vertrauen entgegengebracht werden. Sie sollten selbst Verantwortung übernehmen dürfen.

Einige Worte des Père Jacques Sevin: „Eine Gruppenstunde, eine Unternehmung welcher Art auch immer, bereitet man nicht nur vor Ort oder am Arbeitstisch vor, sondern vor allem bei Gott im Gebet.", „Die Gnade Gottes geht uns voran, aber an uns ist es, ihr zu folgen!", „Wenn ihr die Quantität verdoppeln wollt, beginnt, die Qualität zu verdoppeln.", „Nur die Reinen sind unerschrocken!"