Gott finden in allen Dingen
Die
Gegenwart Gottes als geistlicher Impuls im Alltag
Die Gründung der Gesellschaft Jesu (Societas Jesu) war insofern ein revolutionärer Akt, als Ignatius von Loyola mit der monastischen Tradition des Abendlandes brach, was er nicht aus Ablehnung des Bisherigen tat, sondern wegen der besonderen Zielrichtung des Ordens: „Nicht als ob er etwas hätte schaffen wollen, was andere altehrwürdige Einrichtungen hätte verdrängen oder ablösen sollen: nein, seine Schöpfung sollte nur neuen Bedürfnissen entgegenkommen und neben und mit den altbewährten Orden unter völliger Anerkennung ihrer Eigenart und Bedeutung und ihres zeitlichen Vorranges letztlich arbeiten für das gleiche Ziel.“[1]
Die Anforderungen der Zeit, die Missionen in die Neue Welt, die Abwehr der reformatorischen Irrlehren, die größere Sorge um das Heil der Seelen in der sich mehr und mehr entwickelnden Mentaliät des Subjektivismus, Relativismus und Immanentismus und die Idee, dorthin zu gehen, wo es der größeren Ehre Gottes dienlicher ist, forderten flexible Individualität und spontane Mobilität der einzelnen Ordensmitglieder. Der klassisch - monastische Rahmen (Klostermauern, Klausur, Chorgebet und Ordenskleidung) mußte durch die persönliche Gottesbeziehung des Einzelnen kompensiert werden. Die ständige Hinwendung zu Gott, die permanente Absicht auf ihn hin zu leben und alles zur größeren Ehre Gottes zu tun, lebte Ignatius selbst durch die Haltung, Gott in allen Dingen zu finden, und gab dafür das beste Beispiel. In seiner Autobiographie sagt er über sich selbst: „Immer und zu jeder Stunde, wann er Gott finden wolle, könne er ihn finden.“[2] Er forderte diese Haltung von allen Angehörigen des Ordens, so daß „contemplativus in actione“, beschauliches Leben im alltäglichen Handeln, das typisch jesuitische Merkmal wurde. Er schrieb an einen Oberen zur Erklärung dieser Haltung folgende Worte: „Man braucht sich nicht zu wundern, wenn man sich bisweilen wegen der Last der Regierung ohne Andacht und voller Zerstreuungen fühlt. Aber wenn man diesen Mangel an Andacht und diese Zerstreuungen nur geduldig trägt – im Gedanken an die heilige Verpflichtung, die durch Gehorsam und brüderliche Liebe auferlegt werden, und verbunden mit der Absicht, Gott damit zu dienen -, dann werden sie nicht ohne hohen Lohn bei Gott sein, vielmehr wird ihnen ein noch größerer Lohn zuteil.“[3]
Statt langer Gebetszeiten soll die Arbeit, das Studium und alles Tun zum Gebet werden. Gebet meint hier nicht im strengen Sinn, sprechen mit Gott, sondern die Erhebung des Geistes zu Gott und die rechte innere Haltung, nämlich sich als von Gott geschaffen und abhängig zu sehen und zu wissen, daß man ihm alles schuldet. Die Absicht bei jedem Handeln soll im Sinne der Hingabe an Gott Gebet sein. Wenn auch das eigentliche Gebet durch Arbeit und Studium unterbrochen wird, so erfüllen wir doch in der Haltung, alles zur größeren Ehre Gottes zu tun, unsere Schuld gegenüber Gott und werden der Forderung des heiligen Paulus gerecht: „Betet ohne Unterlaß“[4] Und weiter sagt er: „Alles, was ihr tut in Wort oder Werk, tut alles im Namen des Herrn Jesus und dankt durch ihn Gott, dem Vater.“[5]
Exkurs: Der philosophische Hintergrund zur Gegenwart Gottes
in den Dingen
Thomas von Aquin erläutert die Gegenwart Gottes in den Dingen mit folgenden Worten: „So ist folglich Gott in allen Dingen durch Macht (per potentiam), insofern alles seiner Macht unterworfen ist; er ist in allen seinen Geschöpfen durch sein Wissen (per praesentiam), insofern alles nackt und offen vor seinen Augen liegt; er ist in allen Geschöpfen durch sein Wesen (per essentiam), insofern er allen gegenwärtig ist als Ursache ihres Seins.“[6] Die Allgegenwart Gottes erfüllt den geschaffenen Raum und jeden seiner Teile. Gott ist dabei aber dem Wesen und der Sache nach von der Welt verschieden. Er ist der Ursprung bzw. Ausgangspunkt der Dinge. Er besteht absolut und ist nicht abhängig von seiner Schöpfung. Das bedeutet, daß Gott und die Welt nicht identisch sind, wie es der Pantheismus lehrt, der vom Ersten Vatikanischen Konzil verurteilt wurde.[7]
Gott ruft die Dinge ins Dasein[8] und ist das Innerste des geschaffenen Seins. Er erhält fortwährend die Schöpfung im Sein und schuf als absolut vollkommenes Wesen die Dinge, nicht um seine Seligkeit zu vermehren, denn diese ist vollkommen, „sondern um seine Vollkommenheit zu offenbaren durch die Güter, die er den Geschöpfen gewährt“.[9] Was Gott geschaffen hat, lenkt er durch seine Vorsehung. Die Dinge „dienen“ Gott wie ein Werkzeug dem Künstler. Sie, die den Menschen umgeben, sind auf ihn hin geschaffen und „dienen“ ebenso ihm, „um ihm bei der Verfolgung seines Zieles zu helfen, zu dem hin er geschaffen ist“, so Ignatius im Exerzitienbuch.[10]
Denn der Mensch ist als Person im Unterschied zu den übrigen Dingen unendlich höher in der Rangordnung der Seinshierarchie. Thomas von Aquin erklärt den Unterschied der Gegenwart Gottes durch sein Sein in den Dingen und in besonderer Weise durch die Gnade in vernunftbegabten Wesen: „Wir sprechen von einem zweifachen Dasein Gottes in den Dingen: einmal, sofern er in den Dingen wirkt – und so ist er in allen von ihm geschaffenen Dingen. Zweitens nach der Art, wie der Gegenstand der Tätigkeit im Tätigen ist, und das finden wir in eigentümlicher Weise bei den Tätigkeiten der Seele, sofern das Erkannte im Erkennenden und der Gegenstand der Liebe im Liebenden ist. Nach dieser zweiten Art ist Gott in ganz besonderer Weise in den vernunftbegabten Wesen, die ihn erkennen und lieben, sei es in einer augenblicklichen Erhebung oder in einer ständigen Haltung. Da aber der geschaffene Geist dazu der Gnade bedarf, [...] spricht man von einer besonderen Gegenwart Gottes in den Heiligen durch die Gnade.“[11] Paulus schreibt über den Heiligen, daß er ein Tempel des Heiligen Geistes ist: „Wißt ihr nicht, daß ihr ein Tempel Gottes seid und der Geist Gottes in euch wohnt?“[12]
Die
Anwendung im Alltag
Ignatius von Loyola überträgt die Lehre des heiligen Thomas auf das gewöhnliche Leben. P. Juan de Polanco SJ schreibt im Auftrag des Heiligen an P. Antonio Brandão SJ im Juni 1551: „Sie [die Studenten des Ordens] können sich deshalb darin üben, die Gegenwart unseres Herrn in allen Dingen zu suchen, wie im Umgang mit jemand, im Gehen, Sehen, Schmecken, Hören, Verstehen und in allem, was wir tun; denn es ist wahr, daß seine göttliche Majestät durch Gegenwart, Macht und Wesen in den Dingen ist.“[13]
Die Wahrheit, daß Gott mit seiner Wesenheit, Gegenwart und Macht die Dinge formt, ist für den geistlichen Lehrer Ignatius von Loyola ein Anfangspunkt, um mit Gott in Kontakt zu treten. Normalerweise denkt der Mensch an Gott, wenn er ein Kreuz am Straßenrand, ein Bild der Gottesmutter oder eines Heiligen sieht, in der Heiligen Schrift liest, betet, die Sakramente empfängt oder in der Heiligen Messe ist. Ganz in diesem Sinn sagt Ignatius: „Loben die Ausschmückung und den Bau von Kirchen, ebenso Bilder, und sie verehren gemäß dem, was sie darstellen.“[14]
Nun aber geht er noch einen Schritt weiter und stellt die Frage: Was macht ein Mensch im profanen Umfeld der neuzeitlichen Gesellschaft? Was macht ein Meteorologiestudent, Industriekaufmann, Rauchfangkehrer, Fachlehrer für Schüler mit erhöhtem Zuwendungsbedürfnis oder ein Universitätsprofessor für Geschichte der theoretischen Physik, der die meiste Zeit des Tages in einer säkularen Umgebung lebt, ohne einen geistlichen Stoff als Anreiz für sein Gebet heranzuziehen zu können?
Die Antwort ist, Gott in allen Handlungen und Dingen zu finden. Die bloße Wirklichkeit als Manifestation und in gewisser Weise Offenbarung Gottes ist für Ignatius Anknüpfungspunkt, um Gott zu finden. Aus dieser Erkenntnis folgt Lob und Verehrung Gottes. Ignatius knüpft für das geistliche Leben an den gegenständlichen Dingen des Alltagslebens an, um von den uns geläufigen Dingen auf deren Ursprung und Existenzgrund verwiesen zu werden und den geistlichen Menschen durch die Wahrheit der Gegenwart Gottes mit der Nase auf Gott selbst zu stoßen.
P. Otto Pies SJ schreibt in seinem Buch „Das große Gespräch - Winke für das innerliche Beten“: „Das gläubige Wissen, daß Gott immer und überall gegenwärtig ist, ist für das Leben in Gott und das Leben des Gebetes nicht nur eine große Hilfe, sondern eine entscheidende Voraussetzung. [...] Der gläubige Christ soll ja eigentlich gar kein profanes Leben haben. Er darf und kann auch in seinem täglichen Tun und seinem beruflichen Wirken mit Gott verbunden bleiben und alles Wirken zu einem Dienst Gottes und Lobpreis des Allerhöchsten machen. Wir sind nach dem heiligen Petrus ‚ein königliches Geschlecht und ein heiliges Priestertum’ (1 Petr 2,5), und wir bringen Gott unsichtbare heilige Gaben dar und ein ständiges Opfer unser selbst und unseres täglichen Lebens und Wirkens.“[15]
Gewissenserforschung als notwendige Übung
In der Berührung des Betenden mit der Wirklichkeit wird ihm zunächst bewußt, welche Wohltaten und Gnadenerweise er von Gott empfangen hat. Er soll erwägen, „wie Großes Gott Unser Herr für mich getan und wie viel Er mir von dem gegeben hat, was Er besitzt, und folgerichtig, wie sehr derselbe Herr danach verlangt, Sich selbst mir zu geben, soweit Er es nur vermag gemäß Seiner Göttlichen Herablassung.“[16]
Die tägliche Übung, Gott danken zu lernen ist für Ignatius die Gewissenserforschung. Diese Prüfung soll man zweimal am Tag halten, einmal „nach dem Mittagessen“ und ein zweites Mal „nach dem Abendessen“.[17] Im ersten Punkt der Gewissenserforschung heißt es: „Gott Unserem Herrn Dank sagen für die empfangenen Wohltaten.“[18] So wird sich der, welcher diese Übung pflegt, auch leicht und immer wieder darüber hinaus als von Gott beschenkt und begnadet erkennen und infolge dessen Gott danken und so an ihn denken.
Die Haltung des Gott-finden-in-allen-Dingen zeigt sich auch in häufigen Anmutungen und Stoßgebeten. Diese werden aber nur dem über die Lippen kommen, der bereits gelernt hat, zu beten. P. Josef Stierli SJ erwähnt zwei Voraussetzungen, um diese geistliche Lebensweise für sich erwählen zu können, nämlich, ganz im Geist der Exerzitien, eine ausdauernde Abtötung und Selbstverleugnung, und zweitens das eigentliche Beten. Er erläutert dazu: „Ohne ein ausdrückliches Beten in bestimmten Zeiten bleibt das Ideal des ‚Gott finden in allen Dingen‘ gefährliche Illusion.“[19] Die Weisung, Gott in allen Dingen zu suchen, gilt für den, der die Exerzitien als Grundausbildung hierzu absolviert hat und die tägliche Gewissenserforschung pflegt. Schließlich fügt er noch eine Bedingung hinzu, und zwar, daß immer wieder erneuerte Sammlung erfordert ist.[20]
Kontemplation und Aktion
Kontemplation kommt vom lateinischen Wort contemplari, was betrachten bedeutet. In der griechischen Philosophie verwendete man das Wort Theoria, wo es die oberste Schau der intuitiven Wahrheiten meint. Josef Pieper erklärt es mit den Worten: „Theoria besagt die rein empfangende, von aller ‚praktischen’ Bezweckung des tätigen Lebens durchaus unabhängige Zuwendung zur Wirklichkeit.“[21] Die Kontemplation ist das der heutigen Geschäftigkeit, Technisierung und Informationsflut entgegengesetzte schweigende Vernehmen von Wirklichkeit.[22]
Bedeutende Leute haben oft wenige, aber klare, großartige und sauber durchdachte Gedanken. In diesem Sinn gibt Ignatius demjenigen, der sich auf den Weg der Exerzitien macht, mit, daß nicht das Vielwissen die Seele sättigt und ihr Genüge gibt, „sondern das Fühlen und Kosten der Dinge von innen.“[23]
Der Mensch ist, ob religiös oder nicht, auf Kontemplation angelegt, er verlangt nach dem Schauen, „und dies so sehr, daß menschliches Glück genau ebensoweit reicht wie die Kontemplation.“[24] Der kontemplative Betrachter ist vom Schauen des Gegenstandes gewissermaßen eingenommen, er geht in der Sache auf, er wird erfüllt, er wird glücklich.
Durch die Kontemplation gewinnen die Dinge um uns herum einen eigenen Wert, sie läßt uns die Wichtigkeit der geschaffenen Wirklichkeit erkennen. Aktion ist das apostolische Handeln aus dem Geist der im Gebet erkannten Werteordnung und Wahrheit.
Maria und Martha
Das biblische Ereignis, das zur Beschreibung des Verhältnisses zwischen Aktion und Kontemplation herangezogen wird, ist der Bericht über das Verhalten von Martha und Maria.[25] Während Maria zu Füßen des Herrn sitzt und auf sein Wort hört, ist Martha sehr bemüht, den Gast zu bewirten.
Der Kirchenschriftsteller Origenes kommentiert diese Stelle wie folgt: „Es gibt gute Gründe dafür, daß Martha für die Tat, Maria aber für die Schau steht. Verlustig geht das tätige Leben des Geheimnisses der Liebe, wenn jemand Lehre und Ermahnung zur Tat nicht auf die Schau ausrichtet. Denn beide, die Tat und die Schau gehören zusammen.“[26]
Der heilige Bernhard sagt folgendes dazu: „Doch sooft einer [...] aus der Beschauung zurücksinkt, so oft begibt er sich zur Tat, um von da dann wie aus der Nachbarschaft auf vertrauterem Weg sogleich zurückzukehren, denn diese beiden sind Hausgenossen und wohnen zusammen: die Schwester Marias ist ja Martha. Mag einer auch aus dem Licht der Beschauung herausfallen, so erleidet er doch keinen Absturz in das Dunkel der Sünde oder in die Trägheit der Muße, da er gewiß im Licht des guten Handelns verweilt.“[27]
Trotz der Verbindung der beiden Momente, wie er im Grundsatz in actione contemplativus zum Tragen kommt, bleibt doch die unbedingte Vorrangstellung der Kontemplation vor der Tat durch das Wort des Herrn offenkundig: „Martha, Martha, du sorgst und beunruhigst dich um viele Dinge; doch weniges oder eines nur ist notwendig. Maria hat den besten Teil erwählt, der ihr nicht genommen wird.“
Das beste Beispiel für die Verbindung von Kontemplation und Aktion geben uns die Engel Gottes, die kontemplativ vor Gottes Angesicht stehen und ihn preisen und zugleich aktiv ihren Dienst am Menschen verrichten, indem sie ihn schützen und führen.[28]
Ignatius leitete die Ordensmitglieder an, Kontemplation und Aktion zu verbinden. P. André Ravier SJ faßt die ignatianische Kontemplation so zusammen: „Nach Ignatius ergreift uns Gott in unserem unmittelbaren Dasein und Handeln; dem aber entspricht auch, daß wir in unserem unmittelbaren Dasein und Handeln Gott erfassen. Nur im Konkreten der Existenz enthüllt Gott sich als die Liebe, ist er gegenwärtig als die Liebe, müht er sich mit uns und für uns als die Liebe, schafft er uns selbst nach seinem Bild und durch seine Gnade um in die Liebe. Jeder Akt, jedes Ereignis hat göttlichen Sinn: ihn wahrzunehmen erfordert, immerwährende Kontemplation und Erleuchtung. Dies heißt dann ‚in der Aktion kontemplativ’ sein.“[29]
P. Hieronymus Nadal SJ spricht bei der Kombination der vita activa und contemplativa von einer höheren Weise des aktiven Lebens: vita activa superior. Diese Haltung enthält die Steigerungsform, die wir im Leitwort der Gesellschaft Jesu finden, wo es heißt: Alles zur größeren Ehre Gottes. Wenn es um den größeren Dienst an Gott geht, wird auch das aktive Leben, das durch das kontemplative hinsichtlich des geistlichen Wertes bedingt wird, zu einer höheren Form erhoben. Dieses Mehr teilt der kontemplativ Handelnde dem Nächsten mit. Er hat etwas, was er aus Liebe dem anderen mitteilt. Im umfassenden Rahmen der Wirklichkeit betrachtet ist Gott derjenige, der immer größer ist und somit immer dem mitteilt, der nicht hat und besitzt, was er hat, d.h. Gott will dem Menschen seine Liebe mitteilen. Wenn der Mensch in diesem Abhängigkeitsbewußtsein lebt, wird er sich von der göttlichen Gnade beschenken lassen.
Liebe
teilt sich mit
Contemplari et contemplata aliis tradere - Betrachten und das Betrachtete anderen mitteilen, so lautet das Leitwort des Dominikanerordens. Das Beschaute anderen zu vermitteln ist mehr als nur selbst erleuchtet worden zu sein. Im Gebet erweckt der Beter Akte der Liebe gegenüber dem Dreifaltigen Gott und die Erkenntnis der Liebe Christi drängt uns[30] zum Apostolat, zur Verkündigung, zum aktiven Leben als katholischer Christ und zum Verlangen, bei Gott zu sein. Der Betrachter wird somit zum neuen Evangelisten, zum neuen Apostel, zu einem Heiligen, dessen Herz voll ist von der frohen Botschaft des Evangeliums und der Wahrheit Gottes, die er durch die Betrachtung erkannt hat. Aus der Fülle seines Herzens wird sein Mund übersprudeln von dem, was er geschaut hat.[31]
Die Liebe kann nämlich nicht für sich bleiben, sie will sich mitteilen, sie will dem geben, der noch nicht hat, was der Liebende seinerseits besitzt. Ignatius von Loyola schreibt über die Liebe: „Die Liebe besteht in der Mitteilung von beiden Teilen her; das will heißen, daß der Liebende dem Geliebten gibt und mitteilt, was er hat, oder von dem, was er hat oder kann, und als Gegenstück dazu der Geliebte dem Liebenden, derart, daß wenn der eine Wissen oder Ehren oder Reichtümer besitzt, er es dem gibt, der es nicht hat, und so teilt immer einer dem andern mit.“[32]
Hingabe als Ziel
Das Suchen und Fragen nach Gott in Kontemplation und Aktion führt zur Erkenntnis seines göttlichen Willens und der göttlichen Vorsehung. Die „Geistlichen Übungen“ selbst sind eine Anleitung „den göttlichen Willen zu suchen und zu finden in der Einrichtung des eigenen Lebens zum Heile der Seele.“[33]
Diese Haltung, sein Leben auf Gott hin zu ordnen und nichts auszuschließen, was der Ehre Gottes dient, disponiert die Seele, sich ganz Gott hinzugeben und nichts mehr zurückzuhalten, was in der eigenen Macht und dem eigenen Besitz liegt. Den Dank gegenüber Gott führt Ignatius weiter, indem er sich und alles, was sein ist, Gott gibt, von dem er alles erhalten hat und dem er folglich alles schuldet: „Nimm Dir, Herr, und übernimm meine ganze Freiheit, [...] gib mir Deine Liebe und Gnade, das ist mir genug.“[34]
P. Stefan Würges SJM
[1] Anton Huonder, Ignatius von Loyola – Beiträge zu seinem Charakterbild, hg. v. Balthasar Wilhelm, Köln 1932, 75.
[2] BP 99, vgl. Josef Stierli (Hg.), Ignatius von Loyola – Gott suchen in allen Dingen, München, Zürich 1987, 106 – 115.
[3] Mon. Ign. I, 9, 125, zit. nach: Josef Stierli, „Das Ignatianische Gebet: ‚Gott suchen in allen Dingen‘, in: Ignatius von Loyola, Seine geistliche Gestalt und sein Vermächtnis, 1556-1956, Friedrich Wulf (Hg.), Würzburg 1956, 151-182, hier: 168.
[4] 1 Thess 5, 17;
[5] Kol 3, 17; vgl. Phil 4, 6.
[6] Sth Ia q.8 a.3.
[7] I. Vat. Konz., 3. Sitzung, Dogmat. Konst. “Dei Filius” über den kath. Glauben, Kan. 3, DH 3023.
[8] Röm 4, 17.
[9] I. Vat. Konz., 3. Sitzung, Dogmat. Konst. “Dei Filius” über den kath. Glauben, Kap. 1, DH 3002.
[10] GÜ 23.
[11] Sth Ia q.8 a.3.
[12] 1 Kor 3,16; vgl. 1 Kor 6, 19.
[13] MI Epp. III, 506 – 513,: Ignatius von Loyola, Deutsche Werkausgabe, Bd.1, Briefe und Unterweisungen, übers. von Peter Knauer, Würzburg 1993, 346 – 353, hier: 350; vgl. GÜ 39.
[14] GÜ 360.
[15] Otto Pies, Das große Gespräch – Winke für das innerliche Beten, 2. Aufl., Kevelaer 1957, 128-130.
[16] GÜ 234.
[17] GÜ 25-26.
[18] GÜ 43.
[19] Josef Stierli, „Das ignatiansiche Gebet: ‚Gott suchen in allen Dingen’“, a.a.O. 180.
[20] Ebd.
[21] Josef Pieper, „Gück und Kontemplation“, in: Ders. Werke in acht Bänden, Bd. 6, Kulturphilosophische Schriften, hg. v. Berthold Wald, Hamburg 1999, 152 – 216, hier: 194.
[22] Ebd.
[23] GÜ 2.
[24] Josef Pieper, Philosophie, Kontemplation, Weisheit, Freiburg 1991, 9.
[25] Lk 10, 38 – 42.
[26] Origenes, Homilien zum Lukasevangelium, 2. Teilbd., übers. und eingel. von Hermann-Josef Sieben, Fontes Christiani, Zweisprachige Neuausgabe christlicher Quellentexte aus Altertum und Mittelalter, Norbert Brox, u.a., Bd. 4/2, Freiburg/Br. u.a. 1992, Fragment 72 – Lk 10, 38 – 42, 459.
[27] Bernhard von Clairvaux, Sermo 51, I, 2, in: Ders., Sämtliche Werke, Bd. 6, hg. v. Gerhard B. Winkler, Innsbruck 1995, 185.
[28] Vgl. Mt 18, 10: „Hütet euch davor, einen von diesen Kleinen zu verachten! Denn ich sage euch: Ihre Engel im Himmel sehen stets das Angesicht meines himmlischen Vaters.“
[29] André Ravier, „Die ignatianische Kontemplation“, in: IkaZ 3 (1975), 228-233, hier: 233.
[30] 2 Kor 5, 14.
[31] vgl. Lk 6, 45.
[32] GÜ 231.
[33] GÜ 1.
[34] GÜ 235.
